Am Anfang war der Beat. Über das rhythmische und doch stolpernde Schlagen der Becken und Trommeln legen sich elektronische Kicks. Sequenzen wiederholen sich, brechen ab, tauchen dearrangiert wieder auf. Dann ist es still. Zwei Männer stürmen auf im Lido die Bühne, Mikrofone in den Händen, die Rhythmen nehmen ihre Spur wieder auf, ein Sprechgesang steigert sich zum Stakkato. Eine Melodie verstärkt sich, ein Disko-Hit wird erkennbar, "Rhythm is a dancer" oder "You're no good for me". Die Ekstase ist erreicht.Das Feuerwerk, das Buraka Som Sistema auf der Bühne entzünden, heißt Kuduro. Diese Musikrichtung, die gerade in den Clubs der Metropolen ankommt, wurde Anfang der 1990er in Luanda, der Hauptstadt von Angola, populär. Dort mischten DJs die schnellen Beats bekannter angolanischer Rhythmen mit House. Eine Komposition, die zur selben Zeit an anderen Orten der Peripherie stattfand - in Brasilien im Baile Funk, in Südafrika im Kwaito. Buraka Som Sistema fügten Elemente aus Hip-Hop, Dubstep, 2step, Grime und Drum&Bass hinzu und wurden zu den prominentesten Vertretern dieses Genres. 2008 gewannen sie damit den MTV European Music Award als beste portugiesische Band, inzwischen kollaborieren sie mit Pop-Größen wie M.I.A. und Hot Chip.Kuduro heißt übersetzt "harter Arsch". In atemberaubendem Tempo schüttelt die Tänzerin und MC Blaya ihren Hintern auf und ab, hin und her. Dabei entwirft die Musik ihre eigene Choreografie, deren Bewegungen sich am HipHop anlehnen, jedoch viel fließender und runder sind. So ziehen die MCs immer wieder ihre Ellenbogen durch die Luft und schlackern mit den Unterarmen, kreisen mit den Hüften, waten mit den Beinen. Dabei sehen sie ein bisschen so aus wie weichgespülte Roboter.Die Texte hingegen sind hart und politisch. Dabei rappen Buraka Som Sistema überwiegend in einem Portugiesisch, das selbst für Muttersprachler schwer zu verstehen ist. Die erste englische Textstelle auf dem Album "Black Diamond" ist im Song "Aqui Para Vocês". In blütenreinem Oxford-Englisch sagt eine Männerstimme: "Angolas Diamanten gehören zu den besten Diamanten der Welt/ Achtzig Prozent der angolanischen Diamanten haben eine genuine Qualität/ Das sind die Diamanten, die jeder will". Wie schon der Albumtitel verweist dieses Zitat auf die postkoloniale Situation Angolas: Der Bürgerkrieg, der an die Befreiung von der Kolonialherrschaft Portugals anschloss, endete erst 2002. Noch immer ist die Wirtschaft vom Export des wertvollen Rohstoffs abhängig.Dabei sind Buraka Som Sistema weder aus Afrika noch aus dem ärmlichen Migrantenviertel Buraka nahe Lissabon, nach dem die Band sich nennt. Einzig MC Conductor, Andro Carvalho, wurde auf Kuba geboren und lebte als Kind in Angola. Später zog er nach Portugal, in die 15 Kilometer von Lissabon entfernte Industriestadt Queluz. MC Kalaf, Kalaf Ângelo, wohnt in der Lissabonner Innenstadt. Hier, in den angesagten Vierteln der Hauptstadt, feierte die Band ihre ersten Erfolge. Die angebliche Authentizität und der Ghetto-Charme der Band stellt sich nur im Auge des - europäischen - Betrachters her. Für diese Vorstellung werden Buraka Som Sistema jedoch nicht missbraucht - sie gehen erst aus dieser Vorstellung hervor. In einem Song heißt es: "Die meisten von uns wurden nicht in Afrika geboren/ Afrika wurde in uns geboren." Und weiter: "Reise ins neue Afrika/ schau deine eigene Stadt an und finde es/ Du bist in London, aber es fühlt sich an wie Luanda". Die Videos, die dazu am Sonnabend abgespielt werden, unterstreichen diese Vorstellung. Dort tanzen Schwarze auf sandigem Boden, im Hintergrund schäbige Hütten. Ist das Luanda oder Buraka? Die weltweiten Slums haben das Zentrum längst erreicht.Dass diese Musik für das elektronisch geschulte Ohr der deutschen Mittelschichts-Kinder zum Hype wird, muss jedoch nicht heißen, dass die Welt zusammenrückt, auch nicht, dass die postkoloniale Agenda beim Publikum angekommen ist. Es kann auch heißen, dass die Tanzenden ihr Leben mit etwas "Authentizität" oder "Realness" würzen wollen um zu dem machen, wonach sich das hedonistische Milieu am Allermeisten sehnt - der noch besseren Party.Solange ist leider noch nichts gewonnen. Auch außerhalb des Diskursrahmens Pop wird das globale Dorf nach Art von Buraka Som Sistema immer wieder ad absurdum geführt. In einem Interview mit Detlef Diederichsen sagte Andro Carvalho unlängst: "Es ist viel leichter, einen Hot-Chip-Remix zu bekommen als ein Schengen-Visum."------------------------------"Die meisten von uns wurden nicht in Afrika geboren/ Afrika wurde in uns geboren."------------------------------Foto: Schnelle Beats und harte Texte - aber dafür darf bei Buraka Som Sistema zumindest weichgespült getanzt werden.

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