Der Öffentliche Dienst braucht eine Schlankheitskur. Doch wie soll sie aussehen, wie weit soll sie gehen? Über die Anforderungen an eine solche Reform sprach Martina Doering mit dem Potsdamer Verwaltungsexperten Prof. Werner Jann.Berliner Zeitung: Die Verwaltung ist zu schwerfällig, der Beamte zu faul - beim Thema Staat, Verwaltung, Bürokratie hat jeder etwas Kritisches beizutragen. Was kritisiert der Fachmann?Prof. Werner Jann: Es werden einfach zu viele Aufgaben in den Bundesministerien wahrgenommen, die dort nichts zu suchen haben. Die Organisation der Ministerien ist viel zu detailliert und kleinkariert und verhindert eine vernünftige Problembearbeitung. Es gibt zu viele Basiseinheiten, zu viele Referate, zu viele Hierarchie-Ebenen Diese Bürokratie schafft sich einen Großteil der Arbeit selbst und beschäftigt sich einen Großteil ihrer Zeit mit sich selbst. Außerdem herrscht die Ansicht vor: Bisher hat alles gut geklappt, warum kann es nicht so weitergehen?Drehen wir den Spieß um: Warum sollte ausgerechnet jetzt eine Reform möglich sein? Der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin bietet erstmals eine reale Chance, Änderungen durchzuführen. Doch er wird beinahe panisch von jeglichen Überlegungen freigehalten, ob sich das mit einer vorsichtigen Modernisierung des Regierungsapparates verbinden läßt. Ich habe auch nicht viel Hoffnung, daß sich daran etwas ändert. Vielleicht kann man wenigstens die eine oder andere Dummheit verhindern. Woher rührt die Angst vor Modernisierung?Für eine Regierung, die zwölf Jahre an der Macht ist, ist es sicher extrem schwierig, umzusteuern. Sie muß ihre Angestellten bei Laune halten, sie müßte begründen, warum es jetzt anders gemacht werden sollte - also das Alte selbst verwerfen. Hat sie nicht auch den Bock zum Gärtner gemacht? Jenen, die die Verwaltungs- und Beamtenreform durchsetzen sollen, ist doch gar nicht an Änderung gelegen! Natürlich sind die Leute, die die Reform in den Ministerien vorbereiten und umsetzen müssen, unmittelbar betroffen. In die Pflicht nehmen muß man daher die Politiker. Wenn sie nichts unternehmen, dann wird der Apparat den Teufel tun.Innenminister Kanther hat eine Beamtenreform auf den Tisch gelegt. Ein guter Ansatz?Das bisherige Beamtenrecht ist zwar dringend reformbedürftig, aber nicht das zentrale Problem - eher ein Nebenkriegsschauplatz. Den wählt man aus, weil es ein so wunderbar abgegrenztes System ist, wo man sich wunderbar eingraben und über Jahre einen Stellungskrieg führen kann - und sich trotzdem nichts bewegt. Die Politiker steigen aber darauf ein Das ist bequem, das ist populär, das hört sich ganz gut an. Sie kennen doch die landläufigen Vorstellungen: Beamte sind Leute, die mit Ärmelschonern am Schreibtisch sitzen und nichts tun. Das Problem ist, daß es leistungsfeindliche, extrem verkrustete Strukturen sowohl im Beamtenrecht als auch im Angestelltenrecht gibt. Die bisherige Personalführung im öffentlichen Sektor ist eine Katastrophe. Das ändert sich aber nicht durch Änderung des Beamtenrechts oder ein paar Paragraphen. Da muß man viel radikaler herangehen und fragen: Wie soll die Verwaltung organisiert werden? Wie wichtig sind hierarchische Unterordnungsverhältnisse? Wie kann man die Selbständigkeit von einzelnen Organisationseinheiten erhöhen? Was heißt das für die Einführung einer vernünftigen kaufmännischen Kostenrechnung? Ich behaupte: Unser Recht erlaubt viel mehr Änderungen, als wahrgenommen wird. In manchen Städten wird ja bereits heftig geändert. Mittlerweile experimentieren über 150 Kommunen: Sie versuchen, die Organisation der Verwaltung zu ändern, die Kosten in den Griff zu bekommen, die Schulden abzubauen. Denen steht das Wasser bis zum Halse, und daher können sie nicht warten, bis etwas von oben kommt. Erneuerungen sind erfahrungsgemäß nie das Ergebnis eines großen genialen Planes, sondern einer Vielzahl von Versuchen. Und wenn diese schiefgehen?Man muß einfach akzeptieren, daß Fehler gemacht werden. Das ist wie in einem Privatbetrieb: Da muß man immer Lehrgeld bezahlen und auch mal zurückstecken. Man muß einfach auch ein bißchen "fehlerfreundlich" sein. Aber diese Art zu denken ist ganz unbekannt in der klassischen deutschen Verwaltungstradition: Immer muß alles richtig sein, sonst ist alles verkehrt. Aber in der Regel, das muß ich sagen, wird diese Erneuerung von unten geschickt und vorsichtig gemacht. Manche Bundesländer ermuntern die Kommunen, unterstützen sie. Und in einigen Fällen nehmen die Länder selbst schon Reformen in Angriff. Auch in Berlin läuft ein solches Experiment.Was man in Berlin versucht, ist extrem mutig: Da wird in gewaltigem Maßstab und auf allen Ebenen modernisiert. Aber ich habe doch große Bedenken. So groß die Ausmaße und der Anspruch, so groß ist auch die Gefahr des Scheiterns. Es ist eine Bombenwurf-Strategie - wenn es nicht klappt, ist der Flurschaden beträchtlich. Alle, die ein Interesse daran haben, daß das Vorhaben scheitert, haben genügend Möglichkeiten und hervorragende Bedingungen. Sie müssen ja nur diesen Zug zum Stehen bringen, dann haben sie gesiegt.