VON KONRAD KRAATZAlle Menschen werden Brüder. Ein schöner Traum, der schon bei seiner Entstehung Mißtrauen hätte erregen müssen. Schließlich wußte man um Kain und Abel. Die "Distel" stellt nun den frommen Wunsch der harmoniesüchtigen Klassik vom Kopf auf die Füße. "Alle Brüder werden Menschen" heißt ihr neues Programm, das man durchaus programmatisch verstehen darf. Ein erster Schritt auf dem Weg zum vollkommenen Glück der Menschheit. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Denn neben den Brüdern gibt es noch die Schwestern. Es gibt Ossis und Wessis, Ausländer und Inländer, Arbeiter und Kapitalisten. Versöhnungsversuche lassen Schreckliches ahnen.Doch das Entsetzen über die unvollkommene Welt kommt erfreulich leicht daher. Zu unserem Vergnügen verzichtet die "Distel" diesmal auf die reine Aufklärung. Sie setzt den informierten Bürger voraus und kann so den erhobenen Zeigefinger getrost in der Requisite lassen. Kaum theoretische Exkurse, dafür mehr lustvolles Spiel. Die Dialoge sind trocken, witzig, haben den Mut zum schwarzen Humor. In den Szenen auf dem "Sofa" servieren die Kabarettisten den Aberwitz gegenwärtiger Zustände. Den Klagen über das Fehlen von großen Ideen setzen sie die Genugtuung über deren Abwesenheit entgegen. Wir wissen, wohin große Ideen schon geführt haben. Dem Dank der Ossis für die vereinigungsbedingten Segnungen, von "Tesafilm" bis "Hakle feucht" folgt die Stagnation zeitgenössischer Politik. Und die Bereitschaft zum Opferbringen mündet fast zwangsläufig in einen Exkurs über die Privatisierung künftiger Kriege. Dann das große Thema "Mann und Frau". Mit ihrer Vereinigung hat das Elend der Welt begonnen, in ihrem Kampf spiegelt sich die Weltgeschichte. Hamlet und Ophelia, Othello und Desdemona können ihre Konflikte nur durch den Tod klären. Die sauberste Lösung, wie wir sehen werden. Denn was wäre, wenn zum Beispiel Romeo und Julia weitergelebt hätten? Alt und gebrechlich säßen sie auf einer Bank und stritten noch immer, ob es die Nachtigall oder nicht doch die Lerche gewesen war. Neben Tiefsinnigem gibt es herrliche Pamphlete zum Thema. Wenn "Schwestern in eins nun die Hände" legen und sich auf den Weg zum Matriarchat machen, ohne Männerquote versteht sich. Und auch nur solange bis ein Mann auftaucht und der Frauensolidarität den Garaus macht.Aber nichts bleibt im Privaten stecken. Die Autoren Inge Ristock und Peter Ensikat finden zur persönlichen immer auch die gesellschaftliche Entsprechung. Selbst ein banaler Ehestreit wird so organisch zu einer Bundestagsdebatte. Gisela Oechelhaeuser und Gert Kießling spielen lakonisch, trocken und mit Lust auf Pointen. Bernd Wefelmeyer, wie immer im Bunde mit Beethoven, Schubert und anderen Größen seiner Zunft, hat die Musik gemacht. Neu im Ensemble ist die Sängerin Simone Grubert. Ein Nonsens-Geschöpf aus seligen Klim-Bim-Zeiten, das dumme Sprüche und tiefe Gedanken äußert und mit klassischer und jazziger Stimme brilliert. Und dann ist es "Time to say good bye". Ein Kabarettschluß nach Maß, Abgesang auf all den Unfug, den Menschen und die von ihnen gewählten oder erduldeten Politiker so angerichtet haben.