Die Proteste in der Türkei bringen nicht zuletzt auch die ägyptische Regierung in Erklärungsnot. Hatte doch die Muslimbruderschaft stets das türkische Modell zum Vorbild erklärt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan wird von den Islamisten am Nil sehr verehrt. Es sei ihm gelungen, Frömmigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg zu verknüpfen. Aber wieso gehen dann die türkischen Jugendlichen gegen ihre Regierung auf die Straße? Viele erinnern die Szenen aus Istanbul an die Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo vor zwei Jahren. Die Partei der Muslimbrüder sieht indes ausländische Agenten am Werk.

Es gebe Gruppierungen, so der Pressesprecher der Partei der Muslimbruderschaft, Mourad Aly, in einem Interview mit der Tageszeitung Al Masry al Yaum, „die wollen die Proteste in der Türkei als Revolution erscheinen lassen. Doch das ist völlig übertrieben und hat nichts mit den wirklichen Ereignissen zu tun. Der Aufstand hat nichts mit legitimen Forderungen oder wirtschaftlicher Not zutun: Die Proteste zielen darauf ab, eine islamische Regierung zu schmähen, die wirtschaftlichen Aufschwung gebracht hat und internationale Herausforderungen begegnen kann.“

Eine Zeitung der Muslimbruderschaft, die übersetzt Freiheit und Gerechtigkeit heißt, titelt: „Die Aufdeckung der Lügen über den sogenannten türkischen Frühling“. Und schreibt dann weiter: „Als Ministerpräsident Erdogan bei seiner Rückkehr von einer Auslandsreise am Wochenende in Istanbul landete, wurde er empfangen wie ein Held. Er unterstrich abermals, dass es sich bei den Protesten nicht um einen türkischen Frühling handele“.

Ferner listet die Zeitung Gründe auf, weshalb der Protest in der Türkei nicht mit dem Aufstand der Jugend in den arabischen Ländern zu vergleichen sei: „Die Demonstranten stellen keine demokratischen Forderungen. Es geht nicht um mehr Freiheit, Gerechtigkeit oder soziale Gleichheit. Es handelt sich vielmehr um undemokratische, sektiererische Forderungen, die darauf abzielen, die türkische Gesellschaft zu spalten. Die Bewegung wird von ideologischen Kräften getrieben: denen der radikal-säkularen Atatürk-Anhänger und anderen, sehr anti-religiösen Bewegungen“.

Es sei verantwortungslos, die Sicherheit der türkischen Gesellschaft aufs Spiel zu setzen, um gegen die Zerstörung eines Parkes zu protestieren. „Die Proteste in der Türkei werden schon deswegen nicht in einen türkischen Frühling umschlagen, weil die Regierung in den vergangenen Jahren sehr große Erfolge bei der Reform der Gesellschaft und der Modernisierung des Landes erzielt hat“, schreibt die Zeitung weiter.

Darüber zeigt ein Bild friedliche Demonstranten in Istanbul. Sie sitzen zusammen und plaudern unter wehenden Transparenten. Die Szene könnte auch vom Tahrir-Platz stammen, läge nicht im Vordergrund ein offenbar betrunkener Jugendlicher auf dem Boden. Den Kopf hat er auf einen Hund gebettet, neben ihm steht ein Motorroller. Das Bild soll die Leser gegen die türkischen Demonstranten aufbringen: Frommen Muslimen ist Alkohol verboten und Hunde gelten als unrein.