In einem schmucklosen Gewerbegebiet in Wächtersbach fand am Mittwoch die Trauerfeier für Tugce A. statt. Gut 1400 Gäste waren gekommen, um von der mutigen Frau Abschied zu nehmen, die ein Gewalttäter niederschlug, weil sie zwei jungen Frauen beistand, als sie von mehreren Männern belästigt wurden. Tugces Tod hat viele Menschen im Land erschüttert. Selbst der sonst gewaltverherrlichende Gangsta-Raper Aykut Anhan alias Haftbefehl zeigt sich betroffen.

Dem Spiegel sagt er: „Ich kenne ihre Familie. Das macht mich sehr traurig. Ich musste lange nachdenken, ob an meiner Kunst irgendwas falsch ist. Ob ich diese Musik so weitermachen kann.“ Anhan meint, der Tod Tugces könne Folgen für seine Arbeit haben: „Vielleicht kommt das manchmal nicht so rüber, aber ich mache Kunst. Ich glorifiziere dieses Leben im Verbrechen nicht, wie viele andere Rapper es tun. Ich habe dieses Leben gelebt, ich weiß, wovon ich spreche, und ich erzähle davon. Meine Musik ist auch nichts für Kinder, niemand unter 18 sollte mein Album hören. Dafür braucht man eine gewisse Reife.“

Diese Aussagen haben die Journalistin Helga Hirsch sehr aufgeregt, obwohl sie den Rapper erst googeln musste, wie sie in der Zeit bekennt, um zu verstehen, was seine Kunst mit Tugces Tod zu tun hat. „Inzwischen bin ich überzeugt, dass mich Herr Haftbefehl etwas angehen muss, weil er mit seinem Rap die Spielregeln der Gesellschaft verändert. Offenkundig läuft in einer Gesellschaft etwas falsch, wenn sie solchen Rap braucht, damit Missstände öffentlich werden können. Offensichtlich glauben Verletzte und Diskreditierte, sich ihren Hass nicht anders als im Tabubruch aus der Seele schreien zu können. (...)

Nur: Wie lange sollen Hass und Verachtung als Kunst ausgegeben werden?“ Schließlich bediene der Rapper übelste Stereotype und predige Verachtung: Gegen das Land – „Germany, ich fick dich in den Hals à la Drittes Reich“. Gegen Frauen – „Zeig deine Eier, du Pussycat / Fick eins gegen eins“. Oder auch gegen Juden, die als Diamantenhändler im Kaftan karikiert werden. Hirsch will wissen: „Fragt sich Herr Haftbefehl noch immer, ob an einer Kunst etwas falsch sei? Oder meint er, seine Feststellung ... seine Kunst sei nicht für Minderjährige gemacht, sei bereits eine ausreichende Antwort?“ Hirsch schließt ihren Kommentar mit einem Appell: „Ich wünschte, ihr Tod könnte etwas bewirken: dass wir die Verherrlichung von Hass und Gewalt nicht mehr dulden und nach Wegen suchen, Dialog und Kooperation durchzusetzen in unserer Gesellschaft.“

Wie man Tugces Ermordung hätte verhindern können, fragt sich auch Mely Kiyak auf zeit.de: „Vielleicht indem man herausfindet, wie man Jungs dazu erzieht, gewaltfrei Konflikte zu lösen (...) Vielleicht kann man auch dafür sorgen, dass in den Abendschichten der Fastfoodketten nicht unterbezahlte ... junge Menschen arbeiten, von denen man neben Fritten backen auch noch verlangt, sich um Gewalttäter zu kümmern?“ Allein mehr Zivilcourage zu verlangen, sei keine Lösung.