Am Zeitungskiosk in Kairo könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Wahl zum Präsidenten bereits gelaufen ist. Alle Titelbilder zeigen Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi, und in fast allen Artikeln wird betont, wie sehr sich die Ägypter ihn zum Präsidenten wünschen. „Ein Meer aus Fahnen und darin Bilder von Al-Sisi und dem früheren Präsidenten Gamal Abdel Nasser: So sah der Tahrir-Platz am Jahrestag der Revolution vom 25. Januar aus“, heißt es in der englischen Ausgabe der halbamtlichen Al Ahram. „Dass al-Sisi immer wieder an die Seite Nassers gestellt wird, erklärt genau, warum die Ägypter ihn so sehr zum Präsidenten wünschen und die anderen ihn ablehnen. Wie Nasser wird er als Beschützer der Einheit der Nation gesehen, als Führer, der fremden Mächten die Stirn bietet, und der Liebling der Massen. Wie Nasser ist er ein mächtiger Führer einer mächtigen Armee, und manche wenden ein, dass sein Ziel ein neuer Polizeistaat sei. Dabei macht sich nur der nationale Held in ihm bereit, die Präsidentschaft zu übernehmen in einem Land, das bedroht wird.“

Andere Zeitungen überschlagen sich ebenfalls in ihrem Lob. Das ganze Land scheint dem Tag entgegenzufiebern, an dem er seine Kandidatur bekannt gibt. Allerdings liegt dieser Eindruck vor allem daran, dass es in Ägypten so gut wie keine Oppositionspresse mehr gibt. Die Zeitungen der Muslimbruderschaft und andere kritische Publikationen verschwanden vom Markt. Im Internet sieht die Stimmungslage ganz anders aus. In den hinteren Teilen der Zeitungen kommen aber auch kritische oder zumindest nachdenkliche Stimmen zu Wort. So veröffentlichte die Tageszeitung Al Masry al Yaum eine Umfrage: „Al-Sisis Rückhalt in der Bevölkerung: Stärken und Schwächen“, heißt es dort, und die Zahlen belegen, dass er in erster Linie der Hoffnungsträger vor allem der Alten, Ungebildeten und Armen ist.

Ähnliches hat auch die Analyse der Wahlbeteiligung zum Verfassungsreferendum ergeben. Die niedrige Wahlbeteiligung unter den Jugendlichen veranlasste sogar die Regierung, Jugendvertreter zum Krisengespräch einzuladen. In der englischsprachigen Daily News bringt Farid Zahran, Mitbegründer der ägyptischen Sozialdemokraten, auf den Punkt, weshalb viele junge Ägypter Zweifel an al-Sisi haben: „Die Erwartungen an ihn werden gigantisch sein. Angesichts der Menge der Probleme, vor denen wir stehen, wird es so gut wie unmöglich sein, dass er alle zufriedenstellt. Die Menschen werden ihm das Versagen vorwerfen und nicht nur ihm: Sie sehen ihn als Kandidaten der Armee, und diese droht ihre Rolle als Wächter der Nation zu verlieren“, schreibt er und begründet so, weshalb er gegen eine Kandidatur von al-Sisi ist.