Seit fast einem Monat, seit dem 21. November geht der Machtkampf zwischen dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und den Demonstranten am Kiewer Majdan. Auch am hatten beide Seiten wieder zu Großdemonstrationen aufgerufen. Boxweltmeister Vitali Klitschko, einer der Oppositionsführer, rief zu einem prowestlichen „Marsch von Millionen“ auf.

Der Ausgang des Machtkampfs ist weiterhin offen, aber Konrad Schuller, Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sieht immerhin die Chance, dass die Demonstrationen der Opposition zum Kristallisationspunkt eines nachholenden „Nation Building“ werden könnten:„Sie können die Frage beantworten, ob die Ukraine wirklich, wie Wladimir Putin es einmal gesagt haben soll, nur ein formloses Etwas ist, zusammengeflickt aus den Trümmern europäischer Katastrophen, oder eine Nation mit spezifischer Prägung und Kultur, die ihre Staatlichkeit begründen.“

Zwar sei die Ukraine wie Russland ostslawisch geprägt, ebenso orthodox und auch kulturell sowie historisch aufs engste mit Russland verbunden: „Sie ist aber in entscheidenden Punkten anders. Sie hat keinen neoimperialen Komplex, und vor allem ist die Bevölkerung nicht gewillt, autoritäre Herrschaft hinzunehmen. Volk und Eliten lehnen politische Gewalt ab.“

Gleichwohl sei der Erfolg der Opposition keineswegs gesichert. Die Europäische Union solle zwar nach Kräften zum Gelingen beitragen und „die Schmerzen des Übergangs“ durch finanzielle Hilfe lindern, aber: „Bevor Geld fließt, muss gesichert sein, dass es von der kleptokratischen Führung des jetzigen Regimes nicht einfach gestohlen wird. Hilfe ist erst sinnvoll, wenn die Opposition in der Führung der Ukraine einen Platz bekommt.“

Mit der Rolle Vitali Klitschkos befasst sich in der Wirtschaftswoche Florian Willershausen: „Gut beraten wäre Klitschko, wenn er jetzt auf Zeit spielt. Präsident Viktor Janukowitsch ist dabei, sich selbst und seine Partei der Regionen zu demontieren. Bis zu den regulären Wahlen im Jahr 2015 könnte sich Klitschko mit Opposition und Oligarchen einigen und auf ein Programm verständigen, wie das Land nachhaltig nach vorne gebracht werden kann. Eine planlose und zerstrittene neue Regierung würde der Ukraine in der Krise kurzfristig nicht helfen.Wenn das Klitschko-Projekt aber scheitert, dürfte die Ukraine wieder in eine lang anhaltende Lethargie zurückfallen. Wie einst die Sowjetunion.“

Unter einem ganz anderen, sehr interessanten Aspekt betrachtet die niederländische Zeitung de Volkskrant die Ukraine. Das Blatt untersucht die Rolle Deutschlands im ukrainischen Konflikt: „Deutschlands Haltung ist mehrdeutig. Angela Merkel mag weniger von dem Machthaber in Moskau halten als ihr Vorgänger. Aber sie tritt auch nicht gerade für zusätzliche finanzielle Verpflichtungen ein, die unvermeidbar wären, wenn die EU die Ukraine vor russischen Erpressungen schützen wollte. Auch deshalb haben die ukrainischen Demokraten den Kampf noch längst nicht gewonnen.“