Türkische Staatsbürger werden in drei Jahren kein Visum mehr benötigen, wenn sie in die EU einreisen. Diesen Fortschritt in den Beziehungen mit der Union, der jetzt verabredet wurde und nächste Woche in Ankara als Protokoll unterzeichnet werden soll, erkauft die Türkei allerdings mit der Verpflichtung, abgelehnte Asylbewerber, die über ihr Territorium in die EU gelangten, in Zukunft wieder zurückzunehmen. Erwartungsgemäß gehen viele Kommentatoren auf diesen Punkt aber kaum ein, sondern freuen sich vor allem über die nahegerückte Erfüllung eines langgehegten Wunsches.

In der liberalen Hürriyet Daily News begrüßt der Kolumnist Yusuf Kanli die „guten Neuigkeiten“, die „den Weg freimachen für eine visafreie Zukunft, in der Türken nach und in Europa reisen können“. Trotz des Ankara-Abkommens von 1963 mit Aussicht auf einen EWG-Beitritt hätten viele Faktoren die europäische „Visa-Mauer“ stetig wachsen lassen – die Angst vor Tausenden türkischen Asylbewerbern, die fehlenden Flüchtlingsgesetze in der Türkei, die sie zum Transitland illegaler Migranten machten.

Erst Reisefreiheit, dann EU-Beitritt?

50 Jahre später kehre mit der Reisefreiheit auch die Hoffnung all jener zurück, die den Beitrittsprozess mit der Europäischen Union noch nicht abgeschrieben hätten. Besonders freut sich Kanli darüber, dass auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gute Miene zum europäischen Spiel macht und im Januar erstmals seit drei Jahren wieder einen EU-Gipfel (des Europäischen Rates) in Brüssel besuchen werde. Die dort vereinbarten Treffen könnten „eine neue Ära der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU einleiten“, schreibt der Kommentator.

Viele Blätter zitieren zustimmend den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül, der noch einmal die jahrelangen Verzögerungen und Diskriminierungen bei den Visaverhandlungen beklagte: „Die Tatsache, dass die EU auf einer strikten Visaregelung bestand, während sie gleichzeitig mit Ländern von Russland bis zum Balkan Abkommen über Visafreiheit unterschrieb – mit Staaten, die nicht einmal Beitrittskandidaten sind – war inakzeptabel.“ Der Deal mit der EU sei das Ergebnis „erheblicher Anstrengungen“, so Gül. Dies interpretiert die konservative Zaman als Eingeständnis Ankaras, dass der Kompromiss erst infrage kam, nachdem zahlreiche Klagen türkischer Bürger gegen die Visumspflicht vor europäischen Gerichten gescheitert waren.

Ihr englischsprachiges Schwesterblatt Today’s Zaman geht etwas deutlicher auf die Schattenseiten des bevorstehenden Abkommens ein: Entscheidend für den Durchbruch sei der Druck auf die EU gewesen, etwas gegen jene Zehntausenden illegaler Migranten zu tun, die seit Jahren Griechenland und Bulgarien über die Türkei erreichen. Dass das Rücknahmeabkommen für diese Flüchtlinge eine Katastrophe bedeutet, weil die Türkei mit ihnen völlig überfordert ist und den asylsuchenden Fremden eben jenes Recht auf Freizügigkeit entzogen wird, um das die Türken seit 50 Jahren ringen – all dies kommt den Kommentatoren dabei allerdings nicht in den Sinn.