Neben den schwierigen Rechtsfragen, die der Fall Edathy weiterhin aufwirft, zeigt sich, wie rissig das politische Regierungsbündnis ist, das doch erst vor kurzem so kraftstrotzend die Geschäfte in Berlin übernommen hatte. Erstaunlich erfrischend stellt Rudolf Erhardt vom Bayerischen Rundfunk auf br.deklar, dass dabei parteipolitische Kränkungen nicht im Vordergrund stehen sollten. „Um eine Unschuldsvermutung erhärten oder widerlegen zu können müssen die Ermittler ungestört und ohne öffentliches Wissen arbeiten können. Gerade im Dunstkreis der Kinderpornografie ist das bitter nötig. Friedrich hat da als damaliger Bundesinnenminister den ersten Fehler gemacht, die SPD die nächsten, wohl folgenschwereren. Das muss aufgeklärt werden, darüber muss geredet werden, aber bitte ohne politisches Geschwätz, ohne öffentliche Mutmaßungen, Schuldzuweisungen und gegenteilige Beteuerungen. Der Ärger der CSU über Friedrichs Rausschmiss wirkt aufgesetzt und das Bedauern der SPD scheinheilig. Merkel, Gabriel und Seehofer haben jetzt ein Problem. Das sollten sie schnell lösen.“

Berthold Kohler, Mitherausgeber der FAZ, glaubt jedoch, dass das beschädigte Misstrauen so leicht nicht aus der Welt zu schaffen sein wird. „Doch selbst wenn ausgerechnet der Saubermann Friedrich der Einzige sein sollte, der in dieser in vielerlei Hinsicht schmutzigen Affäre auf der Strecke bliebe, hinterlässt das nicht nur bei ihm Narben. Friedrich büßte für einen schlecht bedachten, aber gut gemeinten Akt der Solidarität mit der SPD. Der aber war das Schicksal ihres Informanten ziemlich egal; das können auch die freundlichen Nachrufe nicht mehr wettmachen. Die SPD lieferte den CSU-Mann ans Messer ihres eigenen Skandals. Das macht richtig böses Blut. Es trat damit genau das ein, was Friedrich verhindern wollte. Er ist so immerhin noch zum tragischen Helden einer Koalitionskrise geworden. In Berlin aber herrscht nun solches Misstrauen, dass eidesstattliche Erklärungen voneinander verlangt werden. Friedrichs Kameraderie und seine Opferung waren vergebens.“

Und Sebastian Edathy? In der taz nimmt Christian Rath das widersprüchliche Verhalten der Ermittlungsbehörden in Visier. „Außerdem stützt sich die Staatsanwaltschaft darauf, dass Edathy ‚konspirativ‘ vorgegangen sei. Er habe verschiedene E-Mail-Adressen benutzt und für die Zahlung neue Kreditkartenkonten angelegt. Allerdings hat sich Edathy laut Spiegel bei der kanadischen Firma unter seinem richtigen Namen registriert. Das klingt eher wenig konspirativ. Doch nicht nur die Hannoveraner Staatsanwaltschaft, auch das Amtsgericht Hannover nahm einen Anfangsverdacht an und erlaubte die Hausdurchsuchung. (...) Das Problem ist weniger das Verhalten der Staatsanwaltschaft als eine Strafnorm mit großem Graubereich. Wenn die Genitalien von Kindern zu sehen sind, ist das schon aufreizend und damit strafbar? Oder eher neutral und damit legal? Bei vielen Bildern sind auch Fachleute unsicher oder kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.“