Wer sind diese Jugendlichen, die aus Europa nach Syrien reisen, um in den Dschihad zu ziehen und für ein Kalifat zu kämpfen? Wie soll man diesen tödlichen Tourismus eindämmen? Mit diesen Fragen konfrontierte die Pariser Zeitung Le Monde den französischen Politologen Olivier Roy. Einige Bücher des bekannten Islamforschers sind auch auf Deutsch erschienen sind, so etwa: „Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen“ und „Der falsche Krieg: Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens“.

Der IS sei ein Sammelsurium von Radikalen aus aller Welt, die im Irak und in Syrien gegen die lokale, vorwiegend muslimische Bevölkerung vorgehen, stellt Roy fest. Die jugendlichen Dschihad-Touristen seien weder in Frankreich noch anderswo in einer muslimischen Gemeinschaft integriert, meint er. „Sie sind nicht ein Produkt salafistischer Predigten in Moscheen, sondern radikalisieren sich vor allem übers Internet.“ Ungefähr 25 Prozent von ihnen seien Konvertiten, ein sehr hoher Anteil, wie ihn keine islamistische Organisation auch nur annähernd ausweise. Dies zeige, „dass die Mechanismen der Radikalisierung nicht im traditionellen Islam zu suchen sind.“

Auch in Frankreich wird die muslimische Bevölkerung immer wieder dazu aufgerufen, sich von den Dschihadisten zu distanzieren. Dahinter steht die Angst vieler Franzosen, die Muslime seien illoyale Bürger. „Man vergisst, dass 15 Prozent der französischen Soldaten Muslime sind“, erinnert Roy, „sie gingen nach Afghanistan und nach Mali, sie nehmen an ‚igipirate‘ (französische Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz vor Terrorismus) teil, und es kam weder zu Sabotage noch zu Desertion.“

Der Islamforscher kritisiert, dass man immer noch mit einem 20 Jahre alten Klischee hausiere, dem Bild vom Jugendlichen aus der Banlieue, der Salafist werde, weil er Identitätsprobleme habe und den Vater verachte. „Es ist kein Problem der Banlieue mehr, sondern verschiedenster Gesellschaftsschichten.“ Man müsse die Radikalisierung gemeinsam mit den betroffenen Familien angehen, die ja oft die Polizei um Hilfe anflehten.

„Übrigens fühlen sich viele dieser Freiwilligen, die sich dem IS anschlossen, von den Dschihadisten verraten“, sagt Roy und verweist auf die drei „Terroristen“, die jüngst nach Frankreich zurückkehrten, ohne festgenommen zu werden. „Sie haben selbst bei der Gendarmerie geklingelt.“

Roy konstatiert einen Nihilismus in der jungen Generation, eine Faszination, die vom Tod ausgeht. Al-Kaida und der IS böten diesen Jugendlichen ein heroisches Narrativ an und gäben ihnen die Garantie, dass sie in die Schlagzeilen kämen. „Man muss den IS und Al-Kaida delegitimieren, indem man das Bild von Heldentum und Abenteuer zerstört, das ihnen anhängt.“ Man müsse zeigen, was die Dschihadisten in Wirklichkeit seien: im besten Fall arme Teufel, wie jene drei, die sich bei der Gendarmerie gemeldet haben, im schlimmsten Fall Banditen und Rabauken, fasziniert von Brian de Palmas Scarface, aber nicht Helden der muslimischen Gemeinschaft.