Die deutsche Geschichte beginnt 1933. Immer wieder haben sich Historiker darüber beklagt, die Wahrnehmung der eigenen Geschichte beschränke sich in Deutschland auf die finstere Zeit des Nationalsozialismus und ihre Folgewirkungen, zu denen dann auch, je nach Saison, "1968" und die RAF gezählt werden.Größere Aktionsfreiheit, ein neues Rechtsdenken, politische Beteiligung, mehr Demokratie - alles Forderungen, die in eine beinahe vergessene deutsche Epoche gehören: 1848, das war das Jahr, in dem ein erwachendes Bürgertum die Revolution übte. Und wie bürokratisch "deutsch" (und nicht rebellisch französisch) ging es dabei zur Sache. Von Reformen, Kompromissen und Vereinbarungen war allenthalben die Rede. Über die Worte "es ist alles bewilligt" wurde gejubelt. Freiheit wollte man sich am liebsten von der Obrigkeit genehmigen lassen. In Berlin kam es dennoch zu Straßenschlachten. Golo Mann hat einmal in diesem Zusammenhang von einem guten politischen Instinkt gesprochen, aus dem heraus die Berliner einmal zeigen wollten, dass sie die Herren über ihre Stadt seien und nicht das Militär.Wie die preußischen Soldaten am 18. März 1848 versuchten, die Barrikaden der Bürgerlichen am Alexanderplatz zu stürmen, wurde gestern im Rahmen des Geschichtsfestivals Historiale nachgespielt. "Spannend und erlebbar" wolle man die Geschichte darstellen. Und tatsächlich ist die Wiederaneignung so prägender historischer Ereignisse, ja die Vergegenwärtigung der eigenen Geschichte von großer Bedeutung für das Selbstverständnis Deutschlands.Dabei mögen auch Veranstaltungen wie die Historiale nützlich sein. Projektleiter Enno Lenze hat davon gesprochen, man wolle Menschen erreichen, die sich nicht durch dicke Bücher quälen wollten. Genau das ist aber der falsche Ansatz. Als bloßes Spektakel mit teuren Kostümen, und seien sie noch so detailgetreu, erzeugt dies nur noch mehr Neo-Preußen-Allotria. Lärm, Tumult. Leere Bilder, die einen Glanz vortäuschen, dem sie nicht auf den Grund gehen wollen. Im Vorjahr erschien die monumentale Geschichte des britischen Historikers Christopher Clark vom Aufstieg und Niedergang Preußens - durchquälen muss man sich dadurch nicht, es ist vielmehr ein Genuss, eine Zeitreise durch über 300 Jahre wechselvoller deutscher Geschichte, mit der man gerade auch die Sinne für historische Inszenierungen schärft.Um die Deutungshoheit über 1968 werden derzeit verbissene Kämpfe geführt. Weitgehend frei von ideologischen Auseinandersetzungen lässt sich an der Märzrevolution 1848 auch lernen, wie soziale Wirklichkeit und Protest sich zueinander verhalten. Darin sind sich die beiden Jahre und Bewegungen dahinter so uneins nicht.Als Obrigkeitsstaat funktionierte Preußen gut, auch finanziell war es nicht am Ende. Der Aufstand war ein politischer, war getragen von den Bürgersöhnen und brachte in seiner Folge eine Generation hervor, die die gewonnenen Handlungsspielräume auszunutzen verstand, von den idealistischen Bestrebungen ihrer Vorfahren aber bald nichts mehr wissen wollte. In dieser Geschichte steckt zu viel deutsche Emanzipation, als dass wir sie allein dem historischen Spektakel überlassen dürften.Seite 21