BERLIN, den 25. August. Die Betreiber von Atomkraftwerken sind bereits seit Jahren darauf aus, die ihrer Ansicht nach zu hohen und zu kostenintensiven Sicherheitsauflagen für ihre Kraftwerke zu reduzieren. Die Sprecherin der PreussenElektra, Petra Uhlmann, bestätigte am Dienstag gegenüber der "Berliner Zeitung" die Authentizität eines Schreibens, das Hans-Ulrich Fabian, Vorstandsmitglied des Energiekonzerns, im Oktober 1995 an den Geschäftsführer des Technischen Überwachungs-Vereins (TÜV) Nord gerichtet hatte. Darin beklagte sich Fabian, dessen Konzern unter anderem an den Atomkraftwerken Krümmel, Brunsbüttel und Stade beteiligt ist, "daß wir im Bereich der Kernenergie einen unaufhörlichen Anstieg der Betriebskosten der Anlagen zu verzeichnen haben". So habe bei den "wiederkehrenden Funktionsprüfungen sowie bei den ZFP eine Inflation des Aufwandes stattgefunden, ohne daß dies alles sicherheitstechnisch erforderlich wäre. Hier werden wir auf Sie zukommen, um eine ,Abspeckung zu erreichen."Effizienz beachtenDie "Zerstörungsfreien Prüfungen" (ZFP) sind Bestandteil der vom Gesetz regelmäßig vorgeschriebenen Reaktorrevisionen und betreffen auch den zentralen Sicherheitsbereich der Atomkraftwerke. Der Physiker Dr. Helmuth Hirsch, der viele Jahre Sicherheitsexpertisen über Atomkraftwerke erstellt hat, bezeichnet sie als "zentral" für die Sicherheit der Atomkraftwerke. "Wenn an diesen Bestimmungen Abstriche gemacht werden, dann wird die Reaktorsicherheit entscheidend zurückgefahren."Fabian verlangte in dem Schreiben außerdem vom TÜV, bei der Festlegung der Sicherheitsprüfungen "untergeordneter Teile auch Effizienz- und Kostenfragen nicht außer acht zu lassen". Sollte dies nicht geschehen, drohte die PreussenElektra mit dem möglichen Ende der Atomstromproduktion in Deutschland. "Die Zukunft der Kernenergie erscheint neben allen politischen Unsicherheiten auch aus wirtschaftlichen Gründen deutlich geändert." Die PreussenElektra besteht weiterhin auf den in dem Schreiben festgelegten Forderungen. Als Hintergrund gibt Sprecherin Petra Uhlmann dafür die "ausstiegsorientierte Genehmigungspraxis" für Atomkraftwerke in Deutschland an, "die zu Lasten der Betreiber geht und gezielt die Wirtschaftlichkeit der Anlagen reduziert". Auch sei der Brief des Vorstandmitglieds aus einem anderen Grund immer noch aktuell: "Bei der ,Abspeckung haben wir bisher noch keine entscheidenden Fortschritte gemacht." Warnung von Greenpeace Uhlmann weiter: "Es gibt einige Auflagen, die nichts mit der Sicherheit zu tun haben, sondern nur Kosten produzieren." Gerade im Bereich der periphären Ersatzteile sei dies der Fall. Die Sprecherin wies den Vorwurf zurück, daß der Konzern politischen Druck ausüben wolle. Für Roland Hipp, Atomenergie- Experte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, ist der Brief Fabians hingegen ein Beleg für den Druck, den die Energieversorgungsunternehmen (EVU) auf die technischen Aufsichtsbehörden ausüben. "Wir verzeichnen seit Jahren eine steigende Tendenz der EVU, aus Kostengründen den mühsam erkämpften Sicherheitsstandard in den Atomkraftwerken zu senken", sagte Hipp der "Berliner Zeitung." Die Situation habe sich für die Atomstromproduzenten in den letzten Monaten sogar noch verschärft. Seit Ende April ist der Strommarkt in Deutschland liberalisiert. Ausländische Produzenten können auf dem bisher streng regulierten Markt Strom anbieten. So erhielten letzte Woche zwei ausländische Unternehmen den Zuschlag für die Errichtung von billigeren Gas-Kraftwerken auf dem ehemaligen AKW-Gelände in Greifswald. Hipp: "Wir haben immer schon gesagt, daß Atomkraft nicht nur unsicher, sondern auch zu teuer ist."