Prince heißt wieder Prince, und es geht ihm gut. Mit einer Reihe von Wiederauferstehungszeremonien feiert der Künstler, der früher "der Künstler, der früher Prince hieß" hieß, gegenwärtig seine wiedergewonnene Identität. Der allmächtige Gott und Jesus Christus, sein Sohn, haben ihm den gottlosen Zweifel am Selbst ausgetrieben - all die hoffärtigen "Bin ich Prince? Bin ich s nicht?"-Spielereien, mit denen er das vergangene Jahrzehnt zugebracht hat. Nur als Prince, so Gott unlängst in einer Erleuchtung, könne Prince seine wahren musikalischen Talente zwecks Lobpreisung Gottes entfalten.Und was soll man sagen? Gott sei Dank! Die musikalische Messe, die Prince Rogers Nelson mit seiner achtköpfigen New Power Generation am Sonnabend im ICC zu Berlin feierte, war nichts Anderes als eine Epiphanie, ein ganz großer, seltener, kostbarer Moment. "No more war! No more fights", war die Botschaft, die Prince seinen Zuhörern gleich am Anfang des gemeinsamen Abends predigte. "Just real music. By real people." Die Bassistin solle ihren Bass spielen und der Schlagzeuger sein Schlagzeug; die Hornbläser sollten ins Horn blasen und er selbst, Prince, wolle eben tun, was er am besten kann: alles zugleich - singen, kreischen und keuchen; die Gitarre zum Singen, Kreischen und Keuchen bringen; am Klavier sitzen und singen; keuchend und kreischend den eigenen Körper am Klavier reiben und sich darüber hinweg und dahinter hinunter ganz gottergeben räkeln.Was für ein Musiker! Was für ein Entertainer! Wie schade, dass er vor dieser Erleuchtung satte zehn Jahre mit sinnlosem Herumstreiten vertrödeln musste. Anfang der 90er hat sich Prince ja mit seiner Schallplattenfirma überworfen, er gab seinen Namen auf und verwarf seine Identität, weil er kein Markenartikel für die Musikwirtschaft mehr sein wollte. Erst nannte er sich "der Künstler, der früher Prince hieß". Dann wollte er nur noch mit einem unaussprechlichen Symbol bezeichnet werden, das so unaussprechlich war, dass man ihn am Ende gar nicht mehr ansprechen durfte. Er kappte alle Verbindungen zur Kulturindustrie und den sonstigen Teilen der irdischen Welt, konvertierte zu den Zeugen Jehovas und veröffentlichte seine neuen Werke nur noch als Dateien im Internet (www.npgmusicclub.com). Allein dort kann man auch seine letzte LP "The Rainbow Children" beziehen: eine Art breitwandorchestriertes Funk-Rock-Konzeptwerk über das Volk der Regenbogenkinder und dessen Suche nach dem gelobten Land."Das Gesetz muss neu ausgelegt werden", herrscht Prince den Hörer hier gleich zu Anfang mit tiefer gelegter Vocoderstimme an: "Wir müssen eine neue Nation errichten." Eine Nation unter einem Groove gewissermaßen, denn während die Regenbogenkinder in den folgenden vierzehn "Kapiteln" dem Ruf ins gelobte Land folgen, die Fesseln der Knechtschaft abstreifen und allerlei Versuchungen widerstehen (Niedertracht, Teufel, Frauen), musiziert das Prince sche Ensemble so klangsatt und zugleich mit so ausgehungert knallenden Rhythmen, als habe George Clinton oder sonst ein Funk-Meister sich zum Orchesterleader bekehrt. Big-Band-Funk mit einer (wie es beim Funk ja öfter vorkommt) gewissen Vernachlässigung der Song-Dramaturgien: Zwar sind die Arrangements - die Verzahnung von Gesang und Begleitung, das Wechselspiel zwischen Solisten und Rhythmussektion - so vertrackt und zugleich luzide wie selten im bisherigen Schaffen von Prince. Aber bei allem gibt es nur wenige wirklich prägnante Melodielinien; nur wenige Strukturen, die sich im Gedächtnis des Hörers rückwirkend zum Song verdichten könnten.Im Konzert wurde das Album fast ganz durchgespielt. Der Auftritt begann mit dem Titelstück und endete vor den Zugaben mit dem vorletzten Lied, dem jubilierenden "Everlasting Now". Wer da Längen, Verläpperungen und Verdudelungen fürchtete, wurde freilich angenehm überrascht. Nicht nur gönnte man den treuen Hörern zwischendurch ein paar dramaturgisch klug eingestreute Evergreens: "Pop Life", "Raspberry Beret", schließlich als Zugabe eine wirklich atemberaubende Viertelstundenversion von "Purple Rain". Nein, auch die neuen Stücke erschienen im Livearrangement musikalisch eingängiger und präzisiert; nur gelegentlich gestattete sich einer der Solisten, am Ende eines Stücks dessen Leitmotiv zu zerdehnen.Das war nicht so gut, wenn es sich um einen der drei mitspielenden Saxofon- oder Posaunenbläser handelte. Es war grandios, wenn Prince das Zerdudeln persönlich an seiner Prince-Gitarre besorgte. Was er zerdudelt, wird ja nicht zerdehnt (und umgekehrt): es explodiert vielmehr in eine Vielzahl von Klang- und Tonsorten, in herrliche Harmonien und reinen Krach. Und wenn Prince die instrumentale Hauptstimme führt, übernimmt auch noch einmal der alte mothafucker die Herrschaft über den neuen Christen. Dann bricht aus dem ruhigen Prediger-Habitus plötzlich die alte hysterisierte Motorik heraus, das manische Herumzucken und Sich-selber-Anfassen, aus dem sich seit jeher der Sexappeal von Prince, seine Furcht einflößend erotische Unnahbarkeit speist.Es gab aber - und das war das eigentlich Interessante an der Performance von Prince - zwischen dieser schweinigeligen Popstar-Auratik und dem neueren Prediger-Ethos, zwischen Eros und Jesus, keinen Unterschied zu erkennen. Beides hat sich vielmehr im Bewusstsein verbunden, dass nur der entrückt Verehrte, der perfekte Entertainer einen erfolgreichen Prediger abgibt. Oder anders herum, gewissermaßen von der gottlosen Seite betrachtet: Erst in der gottesfürchtigen Unterwerfung unter das Glück und die Freude des von Gott geschaffenen Publikums hat Prince zur Größe und Vielgestalt des wahren Entertainertums gefunden.Und dann dieses unfassbare Gitarrenspiel! Wie alle großen Rockgitarristen betreibt auch er sein Geschäft ja seit jeher wie eine Masturbation. Aber während man masturbierenden Gitarristen ansonsten schon wegen ihrer Schweißproduktion nur ungern zusehen mag, schwitzt bei Prince immer noch ausschließlich die Gitarre selbst. Das liegt an der Coolheit des Meisters: Nie liegen seine Hände eine Sekunde länger als nötig auf dem gekneteten und gewalkten Gitarrengriffbrett. Erregung und Versagung sind hier eins; einen Moment wird das Instrument hart herangenommen, im nächsten hängt es schon wieder herzlos missachtet hinter dem Rücken des Künstlers. Wer würde da, wenn er eine Gitarre wäre, nicht selber zur Raserei getrieben? Jede Berührung reißt ein neues kreatürliches Geräusch in die Höhe, ein unweltliches Schreien und Flehen, als konkurriere hier ein ganzes Ensemble von Gitarristen um den durchdringendsten Sound.So viel geiler Lärm, so viel Sex - und das alles im Dienste des Herrn? Das war die große, alles überwölbende Frage, mit der man nach Hause ging. Den Gott, dem dieses gottlose Treiben gefällt, würde man jedenfalls gerne kennen lernen.Foto: NPG RECORDS Soviel Diventum muss wohl sein: Beim Konzert von Prince durfte niemand fotografieren. Obiges Bild entnehmen wir dem Booklet zu seiner aktuellen Doppel-LP "The Rainbow Children".

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