Für einen Moment platzt die Schale der unerschütterlichen Staatsfrau. „Ja“, entfährt es Angela Merkel (CDU) mädchenhaft keck, als ARD-Hauptstadt-Studioleiter Ulrich Deppendorf am Sonntagabend fragt, ob sie verstehen könne, wenn die Menschen es für ein Armutszeugnis hielten, dass die komplette Bundesregierung von den Spähangriffen des US-Geheimdienstes NSA nichts gewusst habe. Doch das stimmlich leicht höher gelegte „Ja“ klingt weniger nach Zustimmung als wie ein achselzuckendes „Tja, was soll ich denn machen…?“

Eins immerhin glaubt sie zu wissen: Dass sie persönlich nicht abgehört wurde. „Mir ist so etwas bislang nicht bekannt“, sagt sie im ARD-Sommerinterview, als sie mit der Aussage ihrer Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) konfrontiert wird, es habe Überwachung „bis in Regierungskreise hinein“ gegeben. Der Rüffel „Hüte Deine Zunge“ schwingt mit, ohne dass sie Aigner beim Namen nennen müsste. Das ausgesprochene „bislang“ wiederum imprägniert die Regierungschefin gegen neue Enthüllungen.

Merkel bleibt Merkel

In diese Kategorie gehört auch der Satz, sie habe „keine Hinweise“, dass die USA sich bei Operationen auf deutschem Boden „nicht an deutsches Recht gehalten haben“. Aber überprüft werden solle es trotzdem, und eine Zusage für die Zukunft will sie auch.

Merkel bleibt Merkel und geht auf Nummer sicher. Denn sie steht unter stärker werdender Kritik. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warf ihr zuvor den Bruch des Amtseides vor und forderte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Der vom Kanzleramt koordinierte Bundesnachrichtendienst habe wissen können und wissen müssen, dass Grundrechte in Deutschland verletzt wurden, begründete Steinbrück die Vorwürfe in der Bild am Sonntag.

Davon unbeeindruckt erzählt die Kanzlerin in dem Gespräch mit Deppendorf und seinem Kollegen Rainald Becker, was sie tun will – und das, so scheint es, ist das Übliche: Sie will weiter nachfragen, aufklären und international agieren, den Datenschutz auf der Ebene der Vereinten Nationen verbessern. Aber dazu müsse Europa mit einer Stimme sprechen, sagt sie.

Die Kanzlerin tickt schon im Wahlkampfmodus

Fragt sich nur, was das nützt, wenn es darum geht, ein Zusatzprotokoll zum Datenschutzrecht der Uno zu verhandeln. Denn Merkel lässt keinen Zweifel daran, dass nicht erst die USA, sondern bereits die EU-Partner Großbritannien und Irland es weniger genau damit nehmen als die Deutschen. Gegen den großen Bruder Barack Obama erlaubt sie sich sogar eine kleine Frechheit. Für dessen Zusicherung, US-Sonderrechte in Deutschland aus der Zeit vor der Einheit liefen nun formell aus, bedankt sie sich: „Es ist Zeit, würde ich sagen“.

Als die Interviewer das Thema wechseln, wird klar, dass Merkel schon im Wahlkampfmodus tickt. Sie sitzt unerschütterlich im roten Sessel an der Spree und probiert ein paar Textbausteine ihrer Standardrede aus. Auf die Frage, wie sie die Milliardenversprechen der CDU und den Schuldenabbau überein bringen will, antwortet sie: „Was einmal geht, das wird auch ein zweites Mal gehen“. Oder: „Wer möchte, dass ich Kanzlerin bleibe, der muss einfach die CDU wählen.“ Oder: „Welche Koalitionsoptionen sich ergeben, das muss man dann besprechen.“ Nach 19 Minuten ist das Gespräch vorbei.