Privatdetektive machen Dinge, die Polizisten nicht machen dürfen. Deshalb werden sie von Unternehmen angeheuert. Ein Praxisbericht: Die versteckten Ermittler

BERLIN. Keine Namen, keine Fotos, sagt der Detektiv am Telefon. "Reden können wir über alles, aber meine Identität muss tabu bleiben. Sonst bin ich tot."Als wir uns treffen, in einem kleinen Café tief im Süden Deutschlands, sagt er, dass er bei einer Aufdeckung nicht wirklich sterben würde. "Ich wäre aber wirtschaftlich erledigt, tauchte mein Name oder sogar mein Gesicht in den Medien auf. Kein privater Ermittler kann sich solche Publicity leisten."Er sagt, er verstehe nicht, wie die beiden Berliner Privatdetektive, die für die Telekom einen Journalisten ausgespäht hatten, darüber in der Zeitung reden konnten. "Und dann noch mit Foto", sagt der Detektiv und tippt sich an die Stirn. "Die sind verbrannt. Aus und vorbei."Der Detektiv - nennen wir ihn Herr Weber - ist an die sechzig Jahre alt. Er ist mittelgroß, mit lichtem Haar und kleinem Bauchansatz. Im Café trinkt er grünen Tee. Ein unauffälliger Mann. Wie geschaffen für seinen Job. Herr Weber ist an diesem Tag im Auftrag einer international tätigen Anwaltskanzlei unterwegs. Es geht um Urheberrechtsverletzung. Mehr Details will Herr Weber nicht preisgeben. In den nächsten Tagen wird er ein paar Mal die deutsche Grenze passieren, sagt er nur. In die Schweiz wird er reisen, nach Liechtenstein und Österreich. "Die Polizei kann das nicht, die muss im Lande bleiben, mit Rechtshilfeersuchen arbeiten, sich bestimmte Ermittlungsmethoden von einem Richter absegnen lassen. All das ist zeitaufwändig und bürokratisch", sagt Herr Weber. "Für einen Detektiv gibt es keine Grenzen. Also keine, die er nicht überschreiten kann", sagt Herr Weber.Es sind gerade diese Grenzüberschreitungen, die das Detektivgewerbe in letzter Zeit in die Schlagzeilen gebracht haben. Da hat eine Detektei für den Einzelhandelskonzern Lidl dessen Mitarbeiter mit Kameras heimlich am Arbeitsplatz ausgespäht. Die Telekom beauftragte private Ermittler, Handydaten von Mitarbeitern und Journalisten auszuwerten, um Informationslecks in dem Unternehmen aufzuspüren. Für den Schweizer Nestlé-Konzern schleuste eine Sicherheitsfirma eine Agentin in die globalisierungskritische Organisation Attac ein, die Informationen zu einem Buchprojekt über den Lebensmittelkonzern gewinnen sollte.Mit einem Mal steht eine Branche im Scheinwerferlicht, deren natürliche Umgebung das Zwielicht ist. Gut eintausend Privat- und Wirtschaftsdetektive gibt es in Deutschland. Meist sind es Einzelkämpfer oder kleine Firmen mit zwei, höchstens drei Angestellten. Daneben gibt es nur wenige große, meist international tätige Detekteien wie Control Risks oder Kroll.Eine spezielle Berufsausbildung haben hier zu Lande die wenigsten Detektive absolviert. Ausreichend Schnüffler-Erfahrung haben sie oft dennoch, denn die meisten Detektive waren zuvor Polizisten oder Geheimdienstler. In Berlin und den ostdeutschen Ländern sind es deshalb häufig auch ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die wegen ihrer Berufserfahrung und ihrer Netzwerke gern von Unternehmen mit verdeckten Ermittlungen betraut werden.Zwar kann in Deutschland theoretisch jeder ein Gewerbe als privater Ermittler anmelden, bei der Arbeit aber gelten strenge Einschränkungen. So hat ein Detektiv längst nicht die Rechte und Befugnisse der Polizei, und anders als die Beamten ist er auch stärker dem Datenschutzrecht unterworfen. So dürfen Detektive beispielsweise keine Wanzen zum Abhören einsetzen.Herr Schneider nickt, als das Gespräch auf den Datenschutz kommt, dann winkt er ab. "Das eine ist die Theorie", sagt er. "Und das andere die Praxis." Herr Schneider ist auch Detektiv, und deshalb stimmt sein Name ebenfalls nicht. Er hat seine Detektei in Dresden, in einer belebten Straße in der Nähe des Stadtzentrums. Angestellte gibt es hier nicht, nur wenn ein Fall es erfordert, werden "Teilzeitermittler" angeheuert, auf Honorarbasis.Herr Schneider ist Anfang 50. Ein sportlicher Typ, dem man zutraut, dass er einen Gegner auch mal auf die Bretter werfen kann, wenn es hart auf hart kommt. Früher, in der DDR, war Herr Schneider bei der Kriminalpolizei. Seit der Wende ist er Detektiv. "Ich hab mein Auskommen", sagt er.Über Auftragsmangel kann er jedenfalls nicht klagen. Die lukrativsten Aufträge kommen aus der Wirtschaft. Für eine bekannte Einzelhandelskette etwa hat er einmal eine Marktleiterin in Bautzen ausforschen müssen. "Man hatte mir gesagt, es gebe gewaltige Inventurverluste in dem Einkaufsmarkt und man vermute kriminelle Machenschaften dieser Frau." Wochenlang observierten Schneider und seine Leute die Frau. An ihrem Auto wurde ein Peilsender befestigt. Auch einen Mitarbeiter schleuste Schneider als angeblichen Praktikanten in den Markt ein. "Das war eine richtig teure Operation", sagt er. Nach einiger Zeit aber bekam er mit, dass sein Auftraggeber offenbar eine ganz andere Absicht mit dem Auftrag verfolgte. "Die wollten vor allem wissen, wie eng die Kontakte der Frau zur Gewerkschaft waren. Plötzlich ging es nur noch darum, wie oft sie zu Verdi gegangen ist und mit wem sie sich dort getroffen hat", erinnert sich Schneider.Solche Überraschungen erlebt der Detektiv häufiger in seiner Arbeit. "Und nicht nur bei Aufträgen aus der Wirtschaft", sagt der Detektiv und zieht einen Ordner aus dem Regal. Grundstücksverträge sind darin abgeheftet, Firmenunterlagen, Schreiben mit dem Briefkopf eines ostdeutschen Landtages. "Es gibt auch in Parteien Personen und Fraktionen, die sich bekriegen. Und wenn man weiß, dass der Gegner in der eigenen Partei Dreck am Stecken hat, dann holt man sich einen Privatdetektiv, um für den richtigen Zeitpunkt ein Druckmittel in der Hand zu haben", sagt Schneider.Ermittlungen sind Schneiders Spezialgebiet. Akten auswerten, Personen befragen, observieren - da hat er inzwischen einen Namen in der Branche. Andere Detekteien sind auf technische Überwachung und Aufklärung spezialisiert, eine dritte Gruppe wird engagiert, wenn es um Fälle von Wirtschafts- oder Konkurrenzspionage geht. Die Spezialisierung hat Vorteile. "Wenn ich zum Beispiel Technik brauche für einen Auftrag, hole ich die entsprechende Firma mit ins Boot oder miete von ihr einzelne Komponenten", erklärt Schneider."Meine Aufträge bekomme ich in der Regel von Anwaltskanzleien, deren Mandanten wiederum Konzerne, große Firmen oder wohlhabende Einzelpersonen sind", erzählt er. Diese Verfahrensweise hat für alle Beteiligten ihre Vorteile. Die Auftraggeber kommen nicht in direkten Kontakt mit den Detektiven und können hinterher behaupten, von deren Tun nichts geahnt zu haben. Und der Detektiv kann unter einem Deckmantel auftreten, dann nämlich, wenn ihn die Kanzlei vorübergehend als Anwaltsgehilfen einstellt, was bei manchen Fällen vorkommt. "Das erleichtert mir den Zugang zu Behörden, weil Rechtsanwälte und deren Gehilfen mehr Rechte haben als Privatdetektive."Mit der Vollmacht einer Kanzlei in der Hand kann Schneider zum Beispiel bestimmte Akten und Dateien einsehen, etwa in der Stasi-Unterlagenbehörde, in Grundbuchämtern und Firmenregistern. "Und ich habe, wenn bereits ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen meine Zielperson läuft, die Möglichkeit, Ermittlungsakten einzusehen", sagt der Detektiv und hebt ein Packen Papier von seinem Tisch hoch. "Das hier sind zum Beispiel sämtliche Kontodaten eines Mannes, von dem mein Auftraggeber Schadenersatz verlangt. Gegen den Mann läuft zwar ein Verfahren, aber er ist ins Ausland geflüchtet und für die deutschen Behörden dort schwer greifbar. Mein Job ist es, eine direkte Lösung zwischen meinem Auftraggeber und dem Mann vorzubereiten, in dem ich soviel Informationen wie möglich über ihn zusammentrage."Auch Herr Weber, der in dem kleinen Café in Süddeutschland grünen Tee trinkt, soll in seinem aktuellen Fall eine "direkte Lösung" vorbereiten. Sein Auftrag lautet, so viel Belastungsmaterial wie möglich gegen die Zielperson für seinen Auftraggeber zusammenzutragen. "Prozessvorbereitung" nennt Herr Weber das. Tatsächlich aber kommt es in seinen Fällen eher selten zu einem Gerichtsprozess. "In der Regel setzen meine Auftraggeber auf eine stille Lösung", sagt er. Die betreffende Person wird mit den Beweisen seines Fehlverhaltens konfrontiert und vor die Wahl gestellt, den von ihm angerichteten Schaden zu begleichen oder ein Strafverfahren zu riskieren. "Die meisten zahlen, und meine Auftraggeber sind zufrieden", sagt er.Herr Weber war mal Polizist. Vor über zwanzig Jahren hat er als Verdeckter Ermittler gearbeitet. In eine Geldfälscherbande hatte er sich damals eingeschlichen, es war eine harte Zeit, sagt er. "Danach bin ich raus aus der Polizei, habe mich selbstständig gemacht." Wenn man einmal an der Front war, sagt er, dann ist es schwer, sich wieder dem reglementierten Behördenalltag zu unterwerfen. "Das heißt nicht, dass ich mich als Detektiv nicht auch an Regeln und Gesetze halten muss", schiebt er schnell nach. "Aber ich kann eben selbst entscheiden, wann ich die Grenze überschreite."Und eine Grenzwanderung ist sein Job an jedem Tag. So arbeitet Weber beispielsweise mit VPs zusammen, wie er sie nennt. Das sind "Verdeckte Personen", die er anheuert, wenn ein Auftrag es erfordert. Solche VPs machen sich mit falscher Identität an die jeweilige Zielperson heran. Sie gaukeln ein Geschäftsinteresse vor oder bahnen eine Freundschaft an, um den Betroffenen auszuforschen. "Der Bundesgerichtshof spricht hier von List und Tücke und hat vor einigen Jahren in einem Urteil ein solches Vorgehen für private Ermittler sanktioniert", sagt Weber. Das Problem sei, dass die VPs mit gefälschten Pässen und Kreditkarten hantieren müssen - das aber wiederum ist strafbar.Gefälschte Papiere sind oftmals nicht die einzige Grenzverletzung, die Privatdetektiv Weber begehen muss, um seine Auftraggeber zufrieden zu stellen. Mitunter hört er auch Telefonate ab oder lauscht in Wohnungen. Im Ausland hat er auch schon mal Amtsträger dafür bezahlt, Kontounterlagen oder Geschäftsverträge herauszurücken. Gibt es auch Informationen und Daten, an die er nicht herankommt? "Nein", sagt Weber. "Es ist alles nur eine Frage des Geldes."Als private Ermittler stehen Weber und seine Kollegen immer wieder vor der Entscheidung, eine Straftat zu begehen oder es zu unterlassen. "Deinen Auftraggeber interessiert das nicht", sagt Weber. "Der will ein Ergebnis, auch wenn er weiß, dass es häufig nur durch den Einsatz illegaler Mittel und Methoden erreicht werden kann."Herr Weber hat seinen grünen Tee ausgetrunken. Er wird jetzt seine VP treffen und den Mann instruieren, wie er sich der Zielperson nähern und dessen Vertrauen gewinnen soll. "Wir müssen an seine Unterlagen ran", sagt er. Und wie? "Mir wird schon was einfallen", sagt Herr Weber.------------------------------"Für einen Detektiv gibt es keine Grenzen. Also keine, die er nicht überschreiten kann." Herr Weber------------------------------Foto: Gut eintausend Privat- und Wirtschaftsdetektive gibt es in Deutschland. Die meisten waren vorher Polizisten oder Geheimdienstler.