POTSDAM. Grünblaues Wasser umschwappt mannshohe Schilfhalme. Ein kräftiger Wind zerwühlt den dichten Uferbewuchs und schickt die vielen Surfer über den Fahrländer See. Kinder nehmen ein frühabendliches Bad. Nicht nur die Einwohner der Potsdamer Ortsteile Neu Fahrland und Fahrland lieben den 252 Hektar großen See. Auch aus Berlin kommen Surfer, Badegäste und Spaziergänger. Claus Wartenberg, der Ortsvorsteher von Fahrland, bekommt leuchtende Augen, wenn er von den Sonnenuntergängen dort spricht und Hartmut Reiter, sein Kollege aus Neu Fahrland, nennt die Gegend ein "El Dorado". Doch beide wähnen das Idyll in Gefahr, viele hier teilen diese Furcht. Der Grund: Der Fahrländer See steht zum Verkauf.Noch gehört er dem Bund. Die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) hat als Nachfolgerin der Treuhand den Auftrag, das Gewässer "wirtschaftlich zu veräußern". So steht es im Gesetz, und bedeutet: Wenn die Stadt Potsdam, zu der Fahrland und Neu Fahrland gehören, nicht genug Geld aufbringt, wird der See versteigert. Wartenberg wiegelt zwar ab: "Der See ist unserer und bleibt es und damit basta." Doch sein Gesicht verdüstert sich, je länger er über das Thema spricht.Tiefensee fordert MoratoriumAuch Wolfgang Tiefensee (SPD), der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, ist beunruhigt. Er forderte diese Woche ein Moratorium für die Privatisierung von Seen, um Regeln und Grenzen bei Verkäufen zu schaffen. Zuvor hatten sich schon Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) gegen eine generelle Privatisierung der Brandenburger Seen durch die bundeseigene BVVG ausgesprochen.Für den Fahrländer See liegt der Gemeinde allerdings schon ein Angebot der BVVG vor. 800 000 Euro soll er angeblich kosten, haben die beiden Ortsvorsteher gehört. "Unverhältnismäßig und völlig verrückt", lautet ihr übereinstimmendes Urteil. Im Rathaus und bei der BVVG will man sich dazu nicht äußern. "Wir lassen Potsdam Zeit", sagt BVVG-Sprecherin Andrea Hubatschek. Bis Ende des Jahres werde der See nicht privatisiert, bestätigte eine Rathaussprecherin.Neben dem Fahrländer See sucht die Treuhand-Nachfolge-Organisation derzeit Käufer für den Schulzensee bei Fürstenberg und den Mellensee bei Zossen. Am Mellensee wurden bereits Unterschriften gesammelt, mit denen ein Bündnis aus Bürgern, Naturschutzverbänden und Kommunalpolitikern erreichen wollte, dass der Bundestag sich mit dem Thema auseinander- setzt. Carsten Preuss, Landesvorstandsmitglied des BUND Brandenburg und Stadtverordneter in Zossen, hat die Petition ins Leben gerufen. Die Unterschriftensammlung wird noch bis Ende August fortgesetzt. Die Initiatoren fordern die Aussetzung der Privatisierungen und eine gesetzliche Neuregelung. Zwar hat es die Petition vorläufig nicht in den Bundestag geschafft, da nur rund die Hälfte der erforderlichen 50 000 Unterschriften zusammenkam. Doch die Diskussion hat an Fahrt gewonnen.Auch das Umweltministerium in Potsdam forderte in dieser Woche den Aufschub weiterer Auktionen. "Seit Jahren brennt uns das Problem massiv auf den Nägeln", sagt Ministeriumssprecher Jens Schade. Nach den Bundestagswahlen wolle man mit dem Bund über Änderungen im Gesetz sprechen. Beim Mellensee etwa, dessen touristische Attraktivität eine Besonderheit darstelle, sollten die Gemeinden mindestens das Vorkaufsrecht erhalten. "Wir fordern keinen Verkaufsstopp für alle Zeiten, schließlich wollen wir auch, dass die Eigentumsverhältnisse geklärt werden." Zwar habe man mit der BVVG in der Vergangenheit oft gestritten, gegen die Behörde zu wettern, ist jedoch nicht Schades Sache: "Die haben den Auftrag Geld einzuspielen, nicht, im Osten gute Taten zu vollbringen." Deshalb müssten die geltenden Regeln auf den Prüfstand. In konfliktfreien Fällen solle der Bund die Seen ruhig verkaufen. Für den Mellensee, den Fahrländer See und andere Gewässer, die eine besondere Bedeutung für die Region hätten, müssten aber Sonderregelungen möglich werden, beispielsweise beim Preis.Anders als die Petitionsinitiatoren besteht der Neu Fahrlander Ortsvorsteher Reiter nicht darauf, die Seen gratis zu bekommen: "Wir können nicht alles zum Nulltarif haben, das ist schon klar." Denkbar wäre für ihn, dass der Bund den See an die Kommune verpachtet. Und sein Fahrländer Kollege? "Warum sollte jemand eine Wasserfläche kaufen?", spottet Wartenberg. Sicher ist er sich aber nicht.Negativbeispiel WandlitzWas Gemeinden, Naturschützer und Anlieger verbindet, ist die Angst vor "Wandlitz". Der Verkauf des Wandlitzsees an einen Düsseldorfer Anwalt 2003 ist eine Art Synonym für Privatisierung auf Kosten der Allgemeinheit. Der neue Besitzer versprach, nicht in die Nutzung des Sees einzugreifen. Doch dann wollte er Geld für die Stege, die in seinen See ragten. Viele Anlieger haben gezahlt, andere wehren sich noch. Die Gemeinde zahlte 60 000 Euro, um ihr Strandbad weiter betreiben zu können. Der Bürgermeister von Wandlitz, Udo Tiepelmann, sagt heute, er rate jeder Gemeinde, "alles nur Mögliche gegen eine Privatisierung zu unternehmen". Der Bund solle die Seen an die Kommunen abgeben. Es sei nicht richtig, dass so viel Geld damit verdient werde.Viel Geld? Verglichen mit den Beträgen, die die BVVG durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Flächen einnimmt, fällt der Erlös durch Gewässer kaum ins Gewicht, sagt Unternehmenssprecherin Hubatschek. Sie sei überrascht von den Wellen, die das Thema See-Privatisierung schlägt. "Es muss daran liegen, dass das Verhältnis der Menschen zu den Seen sehr emotional ist", sagt Hubatschek. In den meisten Fällen gingen die Gewässer ohnehin an Verbände, Kommunen oder Pächter. Ein privater Eigentümer bedeute meist keine Veränderungen für Anwohner und Besucher. "Wandlitz ist ein Einzelfall." Ein Fall zu viel, sagen viele. Und so gehen der "Einzelfall", die Petition und das enorme Echo an der BVVG nicht spurlos vorüber. "Vielleicht", sagt BVVG-Sprecherin Hubatschek, müsse man über das bisherige Vorgehen gründlich nachdenken. Vielleicht nach der Wahl.------------------------------15 Millionen Euro für die Staatskasse10 000 Hektar Seen und Teiche in den neuen Bundesländern hat die bundeseigene Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) in den vergangenen sieben Jahren bereits privatisiert.Die BVVG hat laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland mit den bisher verkauften, vormals volkseigenen Gewässern 15 Millionen Euro eingenommen.Etwa 15 000 Hektar Seen will die Treuhand-Nachfolge-Firma in den nächsten Jahren noch privatisieren.Neben dem Fahrländer See bei Potsdam gehören auch der Mellensee nahe Zossen und der Schulzensee bei Fürstenberg dazu.Bei knapp 6 000 Seen, Teichen und sonstigen Wasserflächen waren nach 1989 die Eigentumsverhältnisse unklar.Für 5 300 Gewässer mit knapp 11 000 Hektar Fläche hat die Landesregierung beim Bund erfolgreich beantragt, dass diese Brandenburg zugeordnet werden. Ungeklärt ist noch die Zuordnung von 301 Seen mit 3 471 Hektar Wasserfläche.In Brandenburg gibt es etwa 10 000 Seen - mehr als 3 000 davon sind größer als ein Hektar, etwa 220 zählen mehr als 30 Hektar.Der Naturschutzbund (Nabu) will den Verkauf von Gewässern an Privateigentümer verhindern. Deshalb hat er vor Kurzem das "100-Seen-Programm" gestartet. Ziel der Organisation ist es, mit Hilfe von Spendern und Stiftungen 100 Seen zu kaufen.Der Nabu und seine Stiftung "Nationales Naturerbe" besitzen bereits jetzt etwa 20 Gewässer in Brandenburg, darunter der Klostersee Altfriedland im Kreis Märkisch-Oderland oder den Krebssee in der Uckermark.Der Gülper See im Havelland ist seit Mittwoch in der Hand des Nabu. Das 660 Hektar große, zu DDR-Zeiten volkseigene Gewässer, wurde bislang von der BVVG verwaltet und wurde nun an die Stiftung "Nationales Naturerbe" übertragen.------------------------------Karte: Fahrländer SeeFoto: Der Fahrländer See steht zum Verkauf. Ortsvorsteher Claus Wartenberg will nicht, dass er privatisiert wird.