Wer die Kommentare deutscher Sportpolitiker und Meldungen der Nachrichtenagenturen zur Doping-Weltkonferenz in Madrid aufmerksam verfolgt, der wähnt sich im falschen Film. So wurde am Donnerstag behauptet, die Konferenz hätte mit einem immensen sportpolitischen Erfolg der Deutschen begonnen. Die für den neuen Dopingcode zunächst vorgesehene Ein-Stunden-Regel, wonach Athleten in einem lediglich einstündigen Zeitraum pro Tag für Kontrolleure zur Verfügung stehen müssen, sei vom Tisch. Gefeiert wurde Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).Tatsächlich hatte Wada-Präsident Richard Pound schon am Mittwoch, 24 Stunden bevor Bach geschickt seinen vermeintlichen Erfolg reklamierte, sachlich dargelegt, dass die Ein-Stunden-Regel kein Thema mehr sei in Madrid. Es gebe gute Argumente für und wider, sagte Pound, weshalb sich eine Arbeitsgruppe damit beschäftigen werde. Das Thema werde auf der nächsten Wada-Sitzung im Mai 2008 erörtert. Da der neue Code erst am 1. Januar 2009 in Kraft trete, bleibe genug Zeit.Als Pound dies sprach, war Bachs Mannschaft noch im Anflug auf Madrid. Das sind die Fakten. Die DOSB-Propaganda jedoch läuft auf Hochtouren - und geht weit über die Ein-Stunden-Regel hinaus. Hier wird ein Bild entworfen, das schwerlich korrespondiert mit der Realität. Darin besteht schließlich der Sinn von Propaganda, dieser auf Manipulation, Wahrheitsbeugung und Herrschaftssicherung ausgerichteten Technik der Öffentlichkeitsarbeit.An der Dopingfront brennt es in Deutschland an allen Ecken: Ein Skandal jagt den anderen, eine Lüge die nächste, ein unerhörter Vorgang nach dem anderen wird publik. Nichts ist restlos aufgeklärt, schon gar nicht das unheilvolle Freiburger Dopingsystem mit all seinen Verstrickungen, das den DOSB und dessen Vorgänger DSB und NOK in den Grundfesten erschüttern müsste. Zudem befasst sich eine IOC-Disziplinarkommission mit dem Dopingsystem des Teams Telekom.Die DOSB-Propagandisten des Thomas Bach, flankiert von willfährigen Journalisten, reklamieren eine Vorreiterrolle in der Dopingbekämpfung für sich. Die Wahrheit ist eine andere, und sie ist so gut dokumentiert wie in keinem anderen Land der Welt. Keine bahnbrechende Initiative gegen Doping ging je von Deutschland aus. Historisch betrachtet sind die Deutschen aus Ost und West die Weltmeister im Dopen, noch weit vor China. Berüchtigte Traditionen in Propaganda haben sie auch.