Es war, wie Jazzfreunde sagen, "round midnight" als Woody Allen in der Nacht zum Donnerstag dann doch noch die Eröffnungsparty an Cannes Majestic-Strand beehrte, stilecht begrüßt von einem Swing-Ensemble. Fleißige Kulissenmaler hatten den Spielort seines Eröffnungsfilms "Midnight in Paris", den Montmartre der Dreißiger, an die Côte d'Azur verlegt, was den 75-Jährigen sichtbar erfreute.In der Welt des New Orleans Jazz folgt auf einen Trauermarsch unweigerlich ausgelassene Heiterkeit. Das Festival drehte die Reihenfolge diesmal um, indem es nach der leichtgängigen Eröffnung mit Allens nostalgischem Nebenwerk nun ein tiefes Schwarz aufzog. Die ersten drei Filme der beiden Hauptwettbewerbe handelten vom Tod. "Sleeping Beauty", das Regiedebüt der australischen Romanautorin Julia Leigh, führt in einen literarisch bereits mehrfach beschriebenen Bereich sexueller Dienstleistungen: Deutlich inspiriert von den Autoren Yasunari Kawabata und Gabriel Garcia Mßrquez führt die Filmautorin in ein Bordell, in dem sich alte Männer mit narkotisierten jungen Frauen amüsieren. Anders jedoch als die im Vorspann ungenannten Erzähler wählt sie eine weibliche Protagonistin und lässt sie in keiner Einstellung aus den Augen.So sollen wir uns in der Nahbetrachtung einfühlen in das selbstzerstörerische Lebenskonzept einer jungen Frau, der Nachwuchsstar Emily Brownig ("Sucker Punch") all ihre botticcellihafte Anmut leiht. Aus unerklärten Gründen leiht die Protagonistin diesen schönen Körper jedem, der etwas damit anfangen möchte - sei es als ausgebeutete Studenten-Jobberin, als Versuchsperson in einem medizinischen Labor oder eben als "schlafende Schöne". In seinen statischen, betont sachlichen Kamerabildern erinnert der Film an die "Berliner Schule". Die Fülle beigebrachter Referenzen hebt den Anspruch in ähnliche Höhen: So rezitiert einer der Bordellkunden Sätze aus Ingeborg Bachmanns Erzählung "Das dreißigste Jahr" - offenbar um eine Vorstellung davon zu geben, wie sich auch dieser Film im Idealfall anfühlen sollte.Doch dem dort so meisterhaft erfassten Schwebezustand, dem Betrachten des eigenen und doch fremden Lebens in einem Zustand neben der Zeit, kommt Leigh zu keinem Zeitpunkt nahe. Zu steril sind diese Bilder, zu achtlos schwelgen sie im Überschuss der schönen Nacktheit, und ziehen den Betrachter hinein in das ausbeuterische Geschäft mit der schlafenden Schönheit. Ähnlich ist es dem letzten Filmemacher ergangen, der sich an dem Sujet versuchte: Vadim Glowna mit "Das Haus der schlafenden Schönen".Wieviel präziser, überlegter und visuell stringenter ist da der Wettbewerbsbeitrag der Britin Lynne Ramsay ("Ratcatcher"). Nach ihren frühen Festivalerfolgen hatte der einstige Shooting Star lange Jahre auf den Wartebänken Hollywoods vergeudet. Ihr Projekt "Lovely Bones" verlor sie an Peter Jackson. Nach acht Jahren ist nun aber eine Arbeit fertig geworden: "We Need to Talk About Kevin" ist - dazu führt die Krise des US-Kinos inzwischen - ein amerikanischer Film mit britischem Geld. Aus der Not machte die Regisseurin eine Tugend: Ihr Blick auf die Psychologie eines High-School-Attentäters ist allem typisch Amerikanischen entkleidet und universell lesbar. Kunstvoll montiert in einer nicht-linearen Erzählung folgt sie dem Lebensweg einer überforderten, aber stets wohlmeinenden Mutter: Tilda Swinton ist in dieser Rolle wieder einmal preisverdächtig. Ihr Kind ist schwer erziehbar, jedoch aus ärztlicher Sicht gesund. Hart erkämpft sie sich über Jahre die Zuneigung des Jungen - und legt damit doch unweigerlich den Grundstein zu dessen Gewaltbereitschaft. Aber gibt es tatsächlich eine Beziehung zwischen dem kindlichen Robin-Hood-Spiel und dem späteren Massaker des 16-jährigen Hobby-Bogenschützen?"We Need to Talk About Kevin" ist das vollkommene Gegenstück zu Gus Van Sants Cannes-Gewinner "Elephant" von 2003. Wo sich der amerikanische Kunstfilmer der psychologischen Erklärung verweigerte, macht sich Ramsey auf psychologische Spurensuche. Sie kommt dennoch zum gleichen Ergebnis: Auch eine Indizienfülle erklärt noch lange nicht das obligatorsche "Warum?"Gus Van Sant selbst hat sich mit seinem neuen Film "Restless", der in Cannes merkwürdigerweise nur im Neben-Wettbewerb "Un Certain Regard" läuft, vom strengen Stil seiner Todestrilogie verabschiedet. Die hatte er im minimalistischen Nirvana von "Last Days" beendet. Nun kehrt er zwar zurück zur jugendlichen Verspieltheit seiner Frühwerke wie "My Private Idaho" - bleibt aber dem Thema dennoch treu. In diesem traurig-romantischen Liebesfilm begegnen sich zwei junge Erwachsene bei einer Trauerfeier. Der Junge, der am Verlust seiner Eltern leidet, geht als Zaungast zu fremden Begräbnissen, verbringt Stunden auf Friedhöfen und hat sich sogar mit dem Geist eines japanischen Kamikaze-Piloten angefreundet. Das Mädchen leidet unheilbar an Krebs, umarmt jedoch das Leben auf eine betörend zurückhaltende Art, macht Tierskizzen in der Natur und studiert Vogelstimmen.Aus dem, was man für ein sentimentales Konstrukt halten könnte, entspinnt Van Sant eine tragikomische Romanze mit klugen Dialogen und - wie stets bei ihm - höchst einfühlsamer Filmmusik: Danny Elfman komponierte mit seltener Zurückhaltung und überlässt die entscheidenden Momente dann doch der Plattensammlung des Regisseurs. Das letzte Wort gehört Nico von The Velvet Underground. Nach dem allzu unbeschwerten Auftakt mit "Midnight in Paris" hat das Festival zu einer angenehmen Nachdenklichkeit gefunden. Aber Woody Allen hatte ja bereits letztes Jahr in Cannes erklärt, was er vom Tod hält: "Ich bin absolut dagegen".------------------------------Nach der leichtgängigen Eröffnung mit Allens nostalgischem Nebenwerk zog ein tiefes Schwarz auf.Foto: Zwar nicht schlafend, aber voller Anmut: Emily Browning und Rachael Blake (r.) in Julia Leighs Film "Sleeping Beauty".