Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt? Ein Beruf wie jeder andere? Ihre Abschaffung utopisch? „Falsch“, findet Alice Schwarzer und mit ihr eine erkleckliche Zahl von Prominenten beiderlei Geschlechts, die „von Politik und Gesellschaft“ eine Abschaffung des „Systems Prostitution“ fordern. In ihrem Appell heißt es, Prostitution ist „Ausbeutung und zugleich Fortschreibung der traditionell gewachsenen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sie degradiere Frauen zum käuflichen Geschlecht, brutalisiere das Begehren und verletze die Menschenwürde von Männern und Frauen und zwar auch die der sogenannt freiwilligen Prostituierten“.

Die Schauspielerinnen Senta Berg und Maria Furtwängler, die Theologin Margot Käßmann und die Politiker Heiner Geißler, Maria Böhmer und Rita Süssmuth haben den Aufruf neben vielen anderen unterschrieben.

Das gegenwärtige Prostitutionsgesetz fördere eine moderne Form der Sklaverei, habe Deutschland zur Drehscheibe des Frauenhandels und zum Paradies der Sextouristen gemacht, heißt es in der Begründung des Appells. Für seine Initiatorin Alice Schwarzer trägt das Prostitutionsgesetz deshalb auch nicht die Handschrift der rot-grünen Regierungskoalition, die es 2002 einführte, sondern die der „Frauenhändler und ihrer LobbyIstinnen“.

Tatsächlich sind auch die Akteure von damals nicht glücklich mit der Entwicklung des Gewerbes. Das Gesetz war allerdings zu keiner Zeit dazu gedacht, die Prostitution zu fördern, sie sollte vielmehr entkriminalisiert werden, erklärt die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz. Die rot-grüne Koalition hatte sich vorgenommen, den bis dahin völlig ungesicherten Arbeitsverhältnissen von Prostituierten ein Ende zu setzen. Das Gewerbe galt nicht länger als „sittenwidrig“, es wurde legalisiert und in der Folge als Beruf anerkannt. Prostituierte können sich seither kranken- und rentenversichern, Arbeitsverträge abschließen und ihren Lohn notfalls einklagen. „Theoretisch“, sagt Ekin Deligöz. „In der Realität machen leider nur die wenigsten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Lediglich ein Prozent der Prostituierten sind sozialversichert.“

Man habe gehofft, es würde sich ein selbstbestimmter und selbstbewusster Berufsstand herausbilden, sagt Deligöz, das sei aber nur ansatzweise geschehen. Andere Entwicklungen wurden unterschätzt, wie etwa der Zustrom von Prostituierten aus Osteuropa.

An deren oft erzwungenem Elend verdienen nur die Clubbesitzer, beklagt der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. Doch selbst die Union will nicht zurück zur Sittenwidrigkeit der Prostitution. Sie will vielmehr die sittenwidrigen Auswüchse des Prostitutionsgesetzes korrigieren. Mit dem künftigen Koalitionspartner SPD sei man sich in diesen Fragen glücklicherweise weitgehend einig, sagt Uhl.

Eingriffsrecht für den Staat

„Es darf künftig Clubbesitzern oder Zuhältern nicht mehr erlaubt sein, den Prostituierten ihre Arbeitsbedingungen zu diktieren“, fordert Uhl. „Kein Mann hat das Weisungsrecht über eine Frau.“ Der Staat müsse zudem ein Eingriffsrecht erhalten. „Polizeiliche Ermittlern müssen wieder Zugang zu Clubs und Bordellen bekommen.“ Mit den aus diesen „Razzien“ gewonnenen Erkenntnissen sei man dann auch in der Lage, dem grassierenden Menschenhandel Einhalt zu gebieten, glaubt Uhl.

Eine wirksame Kontrolle von Bordellen und sogenannten „Modellwohnungen“, mit denen Zuhälter oft enorme Gewinne erzielen, fordert auch die SPD. Einen entsprechenden Gesetzentwurf der schwarz-gelben Koalition hatte sie allerdings im Juni als unzureichend zurückgewiesen. Offenbar hat man sich inzwischen angenähert. „Wir sind sehr motiviert“, so Hans-Peter Uhl.