Edmonton - Über dem Ort des Geschenens kreisten Polizeihubschrauber und Aufklärungsflugzeuge. Rauschschwaden schwärzten den Himmel. Auf dem Highway lagen brennende Autos, umgestürzte Bäume und zerfledderte Klamotten. Polizisten mit schusssicheren Westen, Schutzschildern und Helmen rückten Schritt für Schritt auf die Menschenmenge zu und trieben sie Wasserwerfern auseinander. Am Ende flogen Steine und Molotow-Cocktails.

Fast könnte man meinen, die Szene spielte am Rande eines G-8-Gipfels oder irgendwo in Nahost. Doch sie trug sich zu fern ab vom Weltgeschehen im ländlichen Kanada zwischen herbstlich gefärbten Laubbäumen und pittoresken Kirchtürmchen. Genauer gesagt in Rexton, einem unscheinbaren 800-Einwohner-Dörfchen im Osten Kanadas unweit eines großen Indianerreservates.

Gegenüber standen sich die geballte Staatsmacht Kanadas und viele Dutzend Demonstranten. Die meisten gehörten zu den Mi'kmac-Ureinwohnern, die die Gegend seit Jahrtausenden bevölkern. Die Indianer protestierten gerade vor einem Lagerhaus eines Energieerzeugers gegen das so genannte hydraulische Fracking in ihrer angestammten Heimat, als die Situation außer Kontrolle geriet.

Am Ende der gewalttätigen Auseinandersetzungen in der vergangenen Woche wurden 40 Ureinwohner verhaftet und Dutzende verletzt. So geschehen in der letzten Woche in der kanadischen Ostküsten-Provinz New Brunswick. Seit den unschönen Szenen diskutieren die Kanadier über die Gefahren des Fracking, einem umstrittenen Verfahren zur Erdgas- und Erdölförderung, bei dem Flüssigkeiten unter hohem Druck in Gesteinschichten gepresst werden.

Angst vor verseuchtem Trinkwasser

Wieder einmal diskutieren die Kanadier aber auch über ihr Verhältnis zu den den Ureinwohnern. "Die Polizei hat uns abscheulich behandelt", beklagte Arren Sock, Häuptling vom Elsipogtog-Stamm gestern in einer Pressekonferenz. Sock war wie viele seiner Stammesgenossen während der Proteste vorübergehend festgenommen worden betonte jedoch, dass er den involvierten Polizisten nach alter Stammestradition vergebe. In der Sache Fracking aber wollen die Ureinwohner hart bleiben.

An vielen Orten in Kanada werden derzeit umfangreiche seismische Tests zum Fracking durchgeführt, auch in der Provinz New Brunswick. Ziel der Regierung ist es, die Rohstoffförderung mit Hilfe der umstrittenen Technik deutlich zu erhöhen. Viele Ureinwohner aber fürchten, dass durch das Verfahren ihr Trinkwasser verseucht werden könnte. Außerdem fühlen sich sich politisch übergangen. "Niemand hat uns je gefragt, ob wir Fracking auf unserem Land wollen", beklagte Häuptling Sock.

So groß ist die Sorge, dass sich Ureinwohner aus dem ganze Land mit Sock und seinen Mitstreitern in New Brunswick solidarisiert haben. Der einflußreiche Großhäuptling Derek Nepinak aus der Prärieprovinz Manitoba sendete symbolisch warme Biberfelle für die Demonstranten. Die harren seit Wochen in einem provisorischen Camp am Highway 11 aus und blockieren ein Warenlager des Energieunternehmens SWN Canada, das in New Brunswick derzeit Fracking-Versuche unternimmt.

Mit ihrer Blockade knüpfen die Ureinwohner an die indigene "Idle-No-More" Bewegung an, die das ganze bis im letzten Winter und Frühjahr in Atem gehalten hatte. Damals waren Tausende zumeist junge Ureinwohner auf die Straße gegeangen, um gegen soziale Ausgrenzung, berufliche Perspektivlosigkeit und für politische Mitbestimmung zu demonstrieren. Angesichts der wieder aufflammenden Proteste forderte der Interessenverband der kanadischen Ureinwohner in Ottawa jetzt ein mehrmonatiges Moratorium und einen grundsätzlichen Dialog über die Zukunft des Fracking.

Die Regierung aber bleibt bislang hart. Der Premierder Provinz New Brunswick David Alward versprach zwar die Umweltsorgen der Ureinwohner ernst zu nehmen, will die Tests aber fortsetzen lassen. Unterstützt wird er dabei von der Bundesregierung in Ottawa.

Umweltschützer kritisieren Regierung

Die konservative Regierung von Premierminister Stephen Harper hatte in den letzten Jahren die Umweltschutzgesetze in Kanada Schritt für Schritt aufgeweicht, um den Abbau von Rohstoffen zu erleichtern. Mit einer millionenschweren PR- Kampagne und juristischen Hürden will die Regierung zudem den Ausbau von Öl-Pipelines in die USA und zur Pazifikküste vorantreiben - zum Teil gegen den erbitterten Widerstand von Ureinwohnern.

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Die Regierung argumentiert mit Arbeitsplätzen und Wachstum und sieht eine Mehrheit der Kanadier hinter sich. Umweltschützer dagegen werfen der Regierung vor, das wahre Ausmaß der Probleme zu verschleiern. Kritische Wissenschaftler würden systematisch mundtot gemacht machen, beklagte der kanadische Umweltschützer und Wissenschaftsjournalist David Suzuki. Das betreffe das Fracking, aber auch den Pipelinebau oder die umstrittenen Ölsande. "Kanada steckt in einer echten Demokratie-Krise."

Dieser Tage wird diese Krise vor allem bei dem Mi'kmaq Indianern in New Brunswick ausgetragen. Premier Alward hatte letzte Woche vor Gericht eine einstweilige Anordnung erwirkt, mit dem Ziel das Protest-Camp der Ureinwohner räumen zu lassen. Nachdem diese nicht freiwillig aufgaben, war die Polizei mit Gewalt eingeschritten. Die Regierung warf den Ureinwohnern unter anderem vor, dort illegalen Waffen und Sprengstoff gehortet zu haben. 

Der Energieerzeuger hat wegen der gewalttätigen Auseinandersetzungen mittlerweile sein Gerät aus dem fraglichen Warenlager geräumt und das Gericht hat die einstweilige Anordnung zurückgezogen. Das Protest-Camp aber bleibt bestehen und die nächsten Konflikte sind vorprogrammiert.