ISTANBUL - Als der Dienstagmorgen graut, stehen Hunderte junger Leute im Tränengasnebel hinter den Barrikaden im Stadtviertel Gümüssuyu, nahe des Taksim-Platzes, dem Zentrum der landesweiten Proteste gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. In der Nacht haben sie sich Straßenschlachten mit der Polizei unweit von Erdogans Amtssitz geliefert. Gegen Mitternacht drängten die Polizisten sie mit Tränengas Richtung Taksim-Platz ab.
Jetzt verarzten sich die Demonstranten gegenseitig im Morgenlicht. Ein paar Stunden später wird sich Erdogans Stellvertreter offiziell bei den Opfern der Polizeigewalt entschuldigen. Da sind bereits zwei Menschen in den Protesten getötet worden und Menschenrechtsorganisationen haben 1 700 Verletzte gezählt.
„Ist das der Stil, in dem Erdogan die türkische Jugend erzieht?“, fragt Yilmaz Hepiseri, ein 25-jähriger Internetkaufmann. Seine Augen sind gerötet. Er ist seit Beginn der Proteste dabei. „Am Anfang wollten wir nur die Bäume retten, im einzigen Park, der im Stadtzentrum geblieben ist“, sagt er. „Aber jetzt geht es um Erdogan, der unser Land seinen völlig verrückten Großprojekten opfert. Das muss aufhören.“

Gegen Größenwahn

Hunderttausende Menschen demonstrieren in diesen Tagen in Istanbul und in zahlreichen anderen Städten der Türkei. Die Politik Erdogans und seiner regierenden islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) begreifen sie als massiven Angriff auf ihre persönliche Freiheit: Förderung islamischer Schulen, Einschränkung des Alkoholverkaufs, rücksichtslose Gentrifizierung in den Großstädten – und jetzt auch die geplante Naturzerstörung. „Wir wollen nicht, dass unser Miteinander und unsere Natur für Erdogans neoliberalen Größenwahn hingegeben werden“, sagt Yilmaz Hepiseri. Es geht um mehr als die Bäume im Gezi-Park.

Seit Jahren schon nutzt Erdogan den Wirtschaftsboom, um aus der Türkei eine einzige Großbaustelle zu machen: Der erste Spatenstich für den Kanal Istanbul, ein 42 Kilometer langer zweiter Bosporus, soll in diesem Jahr erfolgen. Für eine dritte Bosporusbrücke legte Erdogan vergangene Woche den Grundstein. Mehr als 1 500 Staudämme sollen gebaut werden, drei Atomkraftwerke in erdbebengefährdeten Regionen sind geplant, Naturschutzgebiete werden zerstört, um Luxussiedlungen zu errichten.

Gefragt wird die Bevölkerung nie. Doch Proteste erhoben sich nur lokal, vereinzelt und schon gar nicht wegen fehlenden Grüns in der Stadt – bis zum vergangenen Donnerstag, als nur zehn Bäume, die im Zentrum von Istanbul gefällt werden sollten, aus der angestauten Wut einen landesweiten Aufruhr machten.

Beim größten aller Großprojekte geht es gleich um ein paar Millionen Bäume: Im Istanbuler Randbezirk Arnavutköy will Erdogan einen neuen Großflughafen bauen lassen. Arnavutköy ist ein Dorf unweit des Schwarzen Meeres, das sich gerade in eine Vorstadt der 15-Millionen-Megalopolis verwandelt. Der Ort ist bieder, aufgeräumt, geschäftig. Kräne ragen über die Häuser, Goldgeschäfte reihen sich aneinander, zahlreiche Maklerbüros locken mit riesigen Plakaten: „Sie wollen reich werden? Kaufen Sie Land, Land, Land!“ Die Grundstückspreise haben sich in drei Jahren versechsfacht. Wo zwischen neuen Häuserblocks noch Schafe und Kühe grasen, herrscht Goldgräberstimmung.

Mit Kosten von mehr als zehn Milliarden Euro ist der Flughafen die größte einzelne Investition der Türkei. Der Vertrag dafür wurde kürzlich unterschrieben. Ein türkisches Konsortium darf den Airport für 22,15 Milliarden Euro ein Vierteljahrhundert lang betreiben.

Der Flughafen werde dringend benötigt, sagt die Regierung, weil die bisherigen Kapazitäten nicht ausreichten. Zwar ist der Atatürk-Flugplatz auf der europäischen Seite, der größere der beiden Istanbuler Airports, dem Passagieransturm tatsächlich nicht mehr gewachsen. Doch der Sabiha-Gökcen-Flughafen auf der asiatischen Seite der Stadt könnte jederzeit ausgebaut werden. Erdogan aber will Istanbul zu einem internationalen Drehkreuz für Flüge zwischen Europa und dem Mittleren Osten, Asien und Afrika machen und so die wachsende ökonomische und politische Bedeutung der Türkei zur Schau stellen.

Der Flughafen ist ein Mammutprojekt: Er soll 7 659 Hektar Fläche einnehmen, Stellplätze für 500 Flugzeuge, sechs Rollbahnen und vier Terminals haben. 90 Millionen Passagiere sollen anfangs hier pro Jahr durchgeschleust werden, später 150 Millionen. Schon 2017 sollen die ersten Flugzeuge abheben. Ein Projekt, für das in Deutschland Jahrzehnte gebraucht würde, ist in Arnavutköy in knapp drei Jahren von der Idee bis zum Baubeginn gereift.

„Es wird der größte Flughafen Europas werden“, sagt Ahmet Hasim Baltaci, der Bürgermeister der 165 000 Einwohner von Arnavutköy, ein gelernter Luftfahrtingenieur. Neue Straßen, Hotels, eine Metrolinie zur Innenstadt, 150 000 Arbeitsplätze – all das verspricht sich der Bürgermeister von dem Großprojekt. Auf 450 000 Einwohner werde Arnavutköy in Kürze anwachsen, sagt er. Bis vor Kurzem war Baltaci noch ein einfacher Dorfbürgermeister.

Erst 2008 wurde Arnavutköy in die City von Istanbul eingemeindet. Die Bedeutung des neuen Stadtbezirks wächst, er ist um ein Industriegebiet mit Maschinenbau-, Elektronik- und Textilbetrieben vergrößert worden. Erwartet Baltaci Schwierigkeiten beim Flughafenbau? Natürlich habe er von den Problemen beim Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg gehört, sagt er. „Aber wir bauen Schritt für Schritt.“ Einblicke in die Details habe er jedoch keine. „Es ist ja ein Projekt der Zentralregierung in Ankara.“ Das erspart dem Bürgermeister Stress.

Seit das Projekt bekannt wurde, laufen türkische Umweltschützer Sturm dagegen: 85 Prozent der Fläche liegen in einem früheren Kohleabbaugebiet, wo über den einstigen Minen heute geschützte Wälder stehen. Außerdem gibt es den Terkos-See, ein bedeutendes Zugvogelquartier. Vor drei Monaten wurde eine Studie zur Umweltverträglichkeit des Flughafens veröffentlicht: 657 000 Bäume sollen gefällt, weitere 1,8 Millionen Bäume angeblich „umgepflanzt“ werden. „Die Erdarbeiten für die Landebahnen, das Flugvorfeld und andere Strukturen werden das Ökosystem der Region vernichten“, steht in der Studie.

Folgen für Mensch, Tier und Natur

Das Gutachten sei ohne Einfluss auf den Entscheidungsprozess geblieben, sagt Güven Eken, der Präsident des größten türkischen Naturschutzverbandes, Doga, in Istanbul. „Das letzte intakte Waldgebiet im Norden Istanbuls soll vernichtet werden, der Grünkorridor, der das Mittelmeer mit dem Schwarzen Meer verbindet. Für die Tiere ermöglicht der den Übergang von Asien nach Europa“, sagt Eken. Das größte Naherholungsgebiet Istanbuls und die wichtigste Schneise für die Luftzufuhr der Stadt würden zerstört. Es seien keine Versuche unternommen worden, einen anderen Standort zu suchen, sagt Eken. „Und eine öffentliche Debatte gab es nicht.“

Bürgermeister Ahmet Hasim Baltaci vertraut hingegen ganz den Experten der Regierung. „Für jeden Baum, der gefällt wird, werden fünf neue gepflanzt“, sagt er.

Noch ist die Umgebung von Arnavutköy eine hügelige, grüne Landschaft mit Mischwald, kleinen Dörfern, Feldern und Wiesen. Der schilfbestandene Terkos-See ist großenteils eingezäunt, damit niemand die Ufer verschmutzt. In der heideartigen Wildnis fliegen Vögel, wo einmal Airbusse landen sollen. Demonstranten oder auch nur Protestparolen an Häuserwänden sind hier nicht in Sicht.

Doch derzeit versuchen viele Türken zu begreifen, was sich gerade in ihrem Land verändert. Auf dem Taksim-Platz sehen sie, dass sie viele sind, und was es bedeutet, wenn sich die Zivilgesellschaft zu Wort meldet. „Ich hoffe, dass wir nun auch die Großprojekte nicht mehr einfach hinnehmen“, sagt Yilmaz Hepiseri, der junge Demonstrant im Zentrum von Istanbul.

Unser Korrespondent in Istanbul berichtet auf seinem Blog.