Istanbul - Verstörende Bilder kommen seit Tagen aus Istanbul, Ankara und anderen Städten der Türkei. Menschen sind zu sehen, die durch das Tränengas keine Luft mehr bekommen, minutenlang erblinden oder stark bluten, weil sie von Gasgranaten getroffen worden sind. Drei Menschen sind bei den Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Regierungsgegnern inzwischen gestorben, es existieren Videoaufnahmen von Beamten, die brutal auf offensichtlich friedliche Demonstranten einprügeln. Sogar die US-Regierung spricht von „exzessiver Polizeigewalt“. Die Nerven bei den Sicherheitskräften liegen blank.

„Aber wieso exzessive Gewalt?“, fragt herausfordernd ein Polizist, der im Istanbuler Stadtzentrum im Einsatz ist. Seinen Namen will der 37-Jährige nicht nennen, auf ein längeres Gespräch lässt er sich jedoch ein. Er räumt ein, dass auch Polizisten Fehler unterliefen. „Doch das hat vor allem mit unserer Arbeitsbelastung zu tun“, verteidigt er sich und seine Kollegen. „Ich bin jetzt hundert Stunden im Dienst und habe zehn Stunden davon geschlafen. Im Polizeibus auf dem Boden. Glauben Sie mir, wir haben alle keine Lust mehr.“

Am Sonntag hat sich nun die Polizeigewerkschaft Emniyet-Sen in dieser Sache zu Wort gemeldet. Die Gewalt gegen Demonstranten resultiere auch aus den Belastungen der 120-Stunden-Dauereinsätze auf den Straßen, erklärte die Interessenvertretung in der liberalen Zeitung Milliyet. Allein in den vergangenen zehn Tagen hätten sechs Beamte Selbstmord begangen. Emniyet-Sen forderte die Regierung auf, mit den Protestierenden zu reden und gemeinsam eine friedliche Lösung zu finden. Politische Forderungen einer Polizeigewerkschaft – ein unerhörter Vorgang für den türkischen Sicherheitsapparat.

„Wir können aber nicht länger schweigen“, sagt Irfan Celik, Polizist in Ankara und Vorsitzender von Emniyet-Sen. In der Hauptstadt kümmert er sich in diesen Tagen vor allem um Kollegen, die auf der Straße gegen Demonstranten vorgehen. Viele seien dem Stress nicht mehr gewachsen. „Sie können sich nicht gegen ihre Befehle wehren. Wir sagen ihnen aber: Leute, lasst euch nicht gehen“, sagt Celik.

Einen direkten Zusammenhang zwischen den Selbstmorden der sechs Kollegen und den Ausschreitungen will der 29-Jährige nicht herstellen. „Aber es waren nicht die ersten Selbstmorde. In den vergangenen zehn Jahren hat es bei der türkischen Polizei mehr als 600 Suizide gegeben. Das hat mit den Arbeitsbedingungen und den psychischen Demütigungen zu tun.“

Es waren vor allem die vielen Suizide, die Celik und drei weitere Polizisten im November 2012 veranlassten, eine Gewerkschaft zu gründen. „Wir alle haben im Dienst viele Ungerechtigkeiten erlebt und waren der Meinung, dass dort massiv Menschenrechte verletzt würden“, erzählt er. Die Kollegen arbeiteten zwölf bis 13 Stunden täglich, auch an den Wochenenden. Sie dürften erst nach Hause gehen, wenn ihr Chef es erlaube. Weil sie keine schriftlichen Arbeitsverträge hätten, könnten sie jederzeit entlassen werden. „Wir sind wie Sklaven“, klagt Celik. Für die Masse der 230.000 türkischen Bereitschafts- und Straßenpolizisten gebe es zudem keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten: „Einmal Streifenpolizist, immer Streifenpolizist.“

Die harten Arbeitsbedingungen wirkten sich zwangsläufig auf die Arbeit mit dem Bürger aus. „Wer hundert Stunden im Einsatz ist, verliert seine Freundlichkeit“, sagt Celik. „Er verliert seine Motivation und sein Privatleben. Viele haben den Druck nicht mehr ausgehalten und sich deshalb umgebracht.“

Der Staat schlägt zurück

Das alles hatte sich Celik einmal anders vorgestellt. Er hatte schon als kleiner Junge davon geträumt, Polizist zu werden. Das Einstiegsgehalt ist mit umgerechnet tausend Euro für türkische Verhältnisse üppig, hinzu kommt die Aussicht auf eine sichere Rente. „Vor allem aber wollte ich mich für die Gesellschaft engagieren“, sagt Celik. Er fing seine Ausbildung 2004 an, kurz bevor die Türkei formelle Verhandlungen mit der EU über einen Beitritt zur Union aufnahm. „Die Ausbildung ist jetzt europäischer Standard“, sagt Celik. Die Akzeptanz der Polizei bei der Bevölkerung sei deutlich gestiegen, Übergriffe seien seltener geworden. Wer sich bestechen lasse und dabei erwischt werde, werde sofort entlassen. Vieles im Land und im Polizeikorps habe sich zum Besseren verändert.

Wäre da nur nicht diese gläserne Grenze zwischen oben und unten. „Die 230.000 normalen Polizisten werden ausgebeutet. Dagegen leben die 10 000 Beamten des höheren Dienstes wie die Sultane. Sie haben Anspruch auf regelmäßige Beförderung und Gehaltserhöhung, 40-Stunden-Woche, eigene Fahrdienste durch Untergebene“, sagt Irfan Celik. Er spricht auch über das große Tabuthema, die Unterwanderung des höheren Dienstes durch die islamistische Gülen-Bewegung. „Nach meiner Meinung muss die Polizei neutral sein. Es kann nicht angehen, dass eine Sekte die Polizei beherrscht.“

Am 10. November 2012 gründeten Celik und seine drei Kollegen ihre Gewerkschaft und meldeten sie beim Amtsgericht in Ankara an. „Da der Gouverneur keinen Einspruch erhob, war die Gründung rechtskräftig“, stellt ihr Anwalt Özgür Nalcakar fest. Innerhalb von zwei Monaten traten 8400 Polizisten ein.

Doch bald bekamen die jungen Leute zu spüren, wie ein autoritärer Staat auf Widerspruch reagiert: Die Polizeidirektion erklärte die Gewerkschaft für illegal, bedrohte alle Mitglieder mit Strafen und suspendierte die Gründer vom Dienst. Eine Klage auf Wiedereinstellung wies das zuständige Disziplinargericht in Ankara im April ab und befand, Polizisten hätten kein Recht, eine Gewerkschaft zu gründen. Die Berufung ist noch anhängig, notfalls will Anwalt Nalcakar bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Auch die europäische Polizeigewerkschaft EuroCOP hat den türkischen Kollegen umfassende Hilfe zugesichert.

Gewerkschaftsführer Celik gesteht freimütig, dass er manchmal nicht wisse, wie er dem Druck standhalten solle, der auf ihm laste. „Ich bin sicher, dass mein Telefon abgehört wird“, sagt er. „Aber ich weiß, dass wir im Recht sind.“