Im ukrainischen Machtkampf zeigt die Regierung ihren Willen zum Durchgreifen. Sicherheitskräfte sind am Montag gegen die Demonstranten in der Kiewer Innenstadt vorgegangen. Bis zum Abend wolle man die Fahrbahnen der Straßen freihaben, sagte eine Sprecherin der Kiewer Polizei. An mehreren Orten räumten oder umstellten Truppen des Innenministeriums und Sonderpolizei Straßenblockaden der Opposition. Zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es zunächst aber nicht.

Verschärft hatte sich die Lage am frühen Abend durch Berichte, nach denen maskierte Sondereinheiten in das Büro der oppositionellen Vaterlandspartei, das ist die Partei von Julia Timoschenko, eingedrungen waren und Computer mitgenommen haben. Das meldete die Partei, deren Internetseite den Abend über nicht mehr zugänglich war, ebenso wenig wie die Internetseite der oppositionellen „Swoboda“-Partei. Die Polizei wies den Einsatz zurück.

Die Udar-Partei des Boxweltmeisters Vitali Klitschko räumte am Abend vorsorglich ihr eigenes Büro, ihre Internetseite blieb in Betrieb. Klitschko und sein Bruder Wladimir bemühten sich im Laufe des Tages, ein von Partei-Aktivisten errichtete Straßenblockade vor der Räumung durch Truppen des Innenministeriums zu schützen. Vitali Klitschko rief die Regierungsgegner auf, zum zentralen Unabhängigkeitsplatz zu gehen und nicht zu weichen.

Janukowitsch bereit zu Verhandlungen

Die Opposition hatte nach einer Großkundgebung am Sonntag beschlossen, die Protestaktionen auszuweiten: Sie wollte nicht mehr nur einzelne Regierungsgebäude und die Präsidialadministration blockieren, sondern das gesamte Regierungsviertel mit seinen Zufahrten. Ihre Forderungen sind die Entlassung der Regierung, Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU und vorgezogenen Neuwahlen. Gegen die Blockade richtete sich der Polizeieinsatz.

Die Lage auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz blieb angespannt, ebenso die im besetzten Rathaus. Protestierer wappneten sich für Auseinandersetzung mit der Polizei und errichteten neue Barrikaden. Für Spannung hatte schon die Schließung dreier U-Bahn-Stationen in der Nähe des Platzes gesorgt. Ein anonymer Anrufer habe morgens behauptet, die Stationen seien vermint, sagte die Polizei. Zwei der Stationen wurden gegen Abend wieder geöffnet.

Unterdessen kündigte Präsident Viktor Janukowitsch an, er sei bereit zu Verhandlungen an einem „Runden Tisch“. Für Dienstag ist ein Gespräch des Präsidenten mit seinen drei Amtsvorgängern geplant. Die Ex-Präsidenten Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma und Viktor Juschtschenko hatten vergangene Woche in einem gemeinsamen Brief Partei für die Demonstranten ergriffen. Arseni Jazenjuk, Führer der Vaterlandspartei, nannte den Überfall auf das Büro seiner Partei spöttisch eine „Beilage zum Einladungsschreiben für den Runden Tisch“.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton will am Dienstag in Kiew eintreffen. Sie will eine Vermittlerrolle einnehmen zwischen der Regierung und den Demonstranten.