Istanbul - Wasserwerfer und Mannschaftsbusse der Polizei vor dem Haupteingang lassen den gewaltigen Justizpalast im Zentrum Istanbuls wie eine Festung wirken. Wie verloren wirken jene rund 200 Demonstranten, die sich am Donnerstagmorgen vor dem Granitkoloss versammelt haben, um die Freilassung von 88 Aktivisten der türkischen Demokratiebewegung zu fordern. „Lasst die Leute frei“, rufen sie, „überall ist Widerstand“.

Die Istanbuler Spezialstaatsanwaltschaft will entscheiden, ob die Festgenommenen vom Polizeigewahrsam in die Untersuchungshaft überführt werden oder ob sie freikommen. Unter ihnen sind wichtige Köpfe der Taksim-Solidarität, einem Netzwerk von mehr als hundert Organisationen, deren Kampf gegen die Bebauung des kleinen Gezi-Parkes in der Istanbuler Stadtmitte die Massenproteste gegen die Regierung des konservativ-religiösen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan angestoßen haben. „Es könnte sein, dass sie versuchen, eine kriminelle Vereinigung zu konstruieren, die hinter den Protesten steckt“, sagt Zeynep Kasli, eine 31-jährige Doktorandin der Politikwissenschaft, die vor dem Gerichtsgebäude demonstriert.

Die Männer und Frauen, um die es geht, wurden am Montagabend festgenommen, als Tausende Istanbuler versuchten, einen demonstrativen Spaziergang im ehemals besetzten Gezi-Park zu unternehmen, den der städtische Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu an diesem Tag wieder für die Öffentlichkeit freigegeben hatte. Doch schon nach drei Stunden wurde die mit Rollrasen und Blumenrabatten runderneuerte Anlage erneut geschlossen, als sich der Demonstrationszug näherte.

Wieder waren Szenen zu sehen, wie sie die Türkei seit Wochen erlebt – Wasserwerfereinsätze, Tränengas, Polizeigewalt. Wieder nahm die Polizei Dutzende junger Leute fest, darunter Volkan Özer, einen 30-jährigen Filmemacher, der aus seinem Büro in der Istiklal-Straße gekommen war, um den Protestzug mit seiner Kamera festzuhalten. „Volkan hat nichts anderes getan als seinen Job: nämlich filmen“, sagt seine Mutter Aysen Özer, die zusammen mit dem Vater zum Gericht gekommen ist, um ihren Sohn abzuholen, wie sie hofft.

Erdogan rächt sich

Wie die anderen Verhafteten habe auch Volkan Özer bisher nicht erfahren, was ihm vorgeworfen werde, sagt der Architekt Cem Tüzün, ein Gründungsmitglied des Taksim-Solidaritätsnetzwerks. „Es geht bei der heutigen Anhörung letztlich darum, dass Leute sich in einem öffentlichen Park treffen wollen. Wenn wir uns aber dort nicht treffen können, brauchen wir keine öffentlichen Parks.“

Unmittelbar nach den Festnahmen sei eine Verhaftungswelle angerollt, berichtet Tüzün. Die Polizei habe die Wohnungen führender Repräsentanten des Netzwerks durchsucht: unter anderem von Ali Cerkezoglu, des Generalsekretärs der Istanbuler Ärztekammer, und von Mücella Yapici, 62, Sprecherin der Istanbuler Architektenkammer und Ikone des Taksim-Widerstandes. Mücella Yapici wurde nach zwei Tagen wieder freigelassen, weil sie an einer schweren Herzkrankheit leidet. „Aber jetzt ist sie wieder im Polizeigewahrsam“, sagt Tüzün. „Das ist ein Rachefeldzug der Regierung.“

Er meint damit auch ein Gesetz, das Erdogans Regierungspartei AKP im Parlament überraschend verabschiedete, womit die türkischen Architekten- und Ingenieurskammern (TMMOB) praktisch kaltstellt würden. „Die kritischen Kammern sind der AKP wegen ihres Widerstandes gegen Bauspekulation und Gentrifizierung schon lange ein Dorn im Auge und haben sich in der Gezi-Krise klar hinter die Forderungen der Demonstranten gestellt“, sagt Cem Tüzün.

Jetzt befürchten die Ärztekammern und die Gewerkschaften im Netzwerk, dass ihnen Ähnliches blüht. Abgeordnete der kemalistischen Oppositionspartei CHP sprachen im Parlament deshalb von einer „Hexenjagd auf die Gezi-Bewegung“; die Regierung polarisiere die Gesellschaft unaufhörlich, statt sie zu versöhnen.

Geschlossene Gesellschaft

Doch das Kalkül Erdogans, wonach Repression, Sommerferien und der am Dienstag begonnene Fastenmonat Ramadan die Proteste zum Abebben bringen würden, geht bisher nicht auf. Täglich wird in Istanbul und anderen Städten demonstriert, versammeln sich abends in Hunderten von Parkanlagen Gezi-Aktivisten und diskutieren, wie es mit ihrer Bewegung weiter gehen soll. Geradezu hilflos wirken dagegen die Versuche der Regierung, Gezi-Park und Taksim-Platz symbolisch zurückzuerobern.

Der Gezi-Park wurde inzwischen wieder eröffnet, und seit Dienstag stellen Stadtbedienstete jeden Abend Dutzende Tische auf dem Taksim-Platz auf, wo sie zum Fastenbrechen Hunderte Menschen mit Reis, Hühnchen und süßem Gebäck bewirten. Ein festliches Bild und eine alte Sitte zur wohltätigen Speisung der Armen, der in Istanbul auf rund 50 öffentlichen Plätzen mit Steuermitteln nachgekommen wird. Doch bedürftige Anwohner aus dem Viertel Beyoglu finden keinen Platz an den Tisachen, die besetzt sind von gutbürgerlichen Familien und Freundeskreisen aus den konservativ-islamischen Vororten Istanbuls.

„Wir sind die lange Strecke hergekommen, weil der Taksim-Platz etwas Besonderes ist“, sagt der Manager Zülküf Gümüzsuyu, 33. „Aus freiem Willen“, betont er, nicht weil es irgendeine Partei befohlen habe. Minuten später hallen vom Gezi-Park, wo sich vielleicht 200 Regierungsgegner versammelt haben, Protestrufe herüber. Sie klingen ein bisschen ironisch und auch ein wenig aggressiv. Irritiert blicken die speisenden AKP-Anhänger auf. „Das sind alles Terroristen“, schimpft Zülküf Gümüzsuyu. Kaum haben sie aufgegessen, eilen die Beköstigten vom Taksim-Platz weg, die Kellner sammeln hastig den Müll zusammen, in den Resten wühlen die Armen.

Minuten später nähert sich ein Protestzug von einigen tausend Menschen dem Taksim-Platz. Sie rufen „Polizei-Mörder“ und tragen große Fotos mit sich, Fotos eines jungen Mannes, der im westanatolischen Eskisehir bei einer Demonstration verletzt wurde und am Mittwoch gestorben ist. Er ist der fünfte Tote der seit Mitte Juni andauernden Proteste, und die Protestler haben im Gezi-Park einen Schrein für ihre "Märtyrer" eingerichtet mit improvisierten Grabsteinen und Grablichtern. „Was ist das für ein Staat, der junge Leute tötet, die Verantwortlichen dafür nicht bestraft und stattdessen die Opfer ins Gefängnis wirft?“, fragt ein junger Mann.

Am späten Donnerstagnachmittag wird bekannt, dass der Staatsanwalt in Istanbul die weitere Inhaftierung von zwölf führenden Mitgliedern des Taksim-Solidarität-Netzwerkes fordert. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldet, dass die Strafverfolgungsbehörde fünf Aktivisten vorwirft, eine kriminelle Organisation gegründet, junge Menschen aufgewiegelt und die landesweite Protestbewegung über die sozialen Medien Facebook und Twitter organisiert zu haben – darunter auch die herzkranke 62-jährigen Mücella Yapici.

Weitere sieben Personen hätten Widerstand gegen die Polizei verübt und Gasmasken besessen sowie anderes „verdächtiges Material“. Die Taksim-Gruppe habe einen öffentlichen Platz für längere Zeit besetzt und mit ihren Protesten die öffentliche Ordnung und den sozialen Frieden gefährdet. Nun muss ein Richter über den Antrag entscheiden.