BUKAREST, 17. Februar. Gegen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, durchkämmte Polizei die niedrigen Katen in einem Dorf am Fluß Olt und suchte nach Bergarbeitern, die sich versteckt hielten. Als dann die Sonne den Nebel ein wenig lichtete, entdeckten die Polizisten in einem kleinen Kreise von Anhängern auch Miron Cozma, nahmen ihn gefangen und brachten ihn an einen unbekannten Ort. Zuvor hatten sich 2 000 seiner Anhänger stundenlang eine blutige Schlacht mit den Sicherheitskräften geliefert. Die neuerliche Machtprobe zwischen den Bergarbeitern des Schil-tales und dem rumänischen Staat ist vorbei, aber für spätere Mythen wurde der Boden reichlich gedüngt. Auf den jüngsten Machtkampf war die Polizei gut vorbereitet. Zugute kam ihr, daß die Solidarität der örtlichen Bevölkerung mit den Bergarbeitern diesmal offenbar ausblieb: Jetzt, da es nicht mehr um Lohnerhöhungen und Arbeitsplätze, sondern allein um die Figur des legendären Anführers Miron Cozma ging, hatten wesentlich weniger Rumänen den Eindruck, daß es auch ihre Sache sei, für die militanten Bergleute stritten.Die nächtliche Straßenschlacht, mit der der jüngste Marsch der Bergarbeiter auf Bukarest endete, ging für einen der Kumpel tödlich aus, fünf weitere kämpfen noch um das Überleben, mehr als 50 sind verletzt. Zweihundert Bergleute nahm die Polizei an Ort und Stelle fest. Die übrigen wurden am Nachmittag in zwei Sonderzüge gesteckt und nach Petrosani, dem Hauptort des Kohlereviers, zurückgeschickt. Die Rumänen haben zum erstenmal erlebt, daß ihre jahrzehntelange Diktatur nicht von allgemeiner Anarchie, sondern von einem entschlossenen Rechtsstaat ersetzt wurde. Auch die geplanten nächsten Schritte der Regierung stimmen optimistisch. Schon in der nächsten Woche will Arbeitsminister Alexandru Atanasiu zusammen mit dem EU-Botschafter in Bukarest nach Petrosani reisen und dort konkrete Hilfsmaßnahmen für das Kohlerevier in Angriff nehmen; nicht nur Bukarest, auch Europa zeigt damit, daß das Schil-Tal seine Sache ist. Von zugesagten 14 Millionen Mark EU-Geldern für die Schaffung von Arbeitsplätzen sollen 3,6 Millionen dorthin fließen, hat Atanasiu bereits angekündigt.Miron Cozma war am Montag für einen früheren Marsch auf Bukarest im September 1991 vom Obersten Gericht zu einer Haftstrafe von 18 Jahren verurteilt worden; dieses Urteil hatte die neuerliche, offenbar gut vorbereitete Aktion ausgelöst. Gegen Cozmas rüde Form von Sozialkampf stand diesmal jedoch fast das ganze politische Bukarest. Eine einzige, zudem kleine Gewerkschaft hatte sich solidarisiert, die Tagebau-Arbeiter mit ihren Gewerkschaften hielten auf Distanz. Oppositionsführer Ion Iliescu, Anfang der neunziger Jahre Präsident Rumäniens, kritisierte die Regierung pflichtschuldig für ihre Versäumnisse bei der Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen, vermied es aber, Cozma zur Seite zu treten.Lediglich der rechtsextreme Demagoge Corneliu Vadim Tudor, Chef der Partei "Großrumänien", nannte das Urteil gegen Cozma ein "'Todesurteil" und "die ärgste Verirrung seit der Revolution von 1989". Tudor ist für seine aktive Unterstützung des putschartigen Marsches im Januar für einen Monat vom Parlament als Abgeordneter suspendiert worden. Nach jüngsten Umfragen wird Tudor mit seiner Partei, die von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und imperialen Phanatasien lebt, von immerhin achtzehn Prozent der Wahlberechtigten unterstützt. Schaffen es die demokratischen Parteien in Bukarest, ihre Solidarität im Kampf gegen Cozmas Rüpeleien auch auf die Verurteilung seiner Hintermänner auszudehnen, hätte die Demokratie einen weiteren Sieg errungen.