München - Dunkler Anzug, weißes Hemd und edle Krawatte – die beiden kroatischen Geheimdienstgeneräle Zdravko Mustac, 72 Jahre alt, und Josip Perkovic (69) geben sich vornehm, als sie am Freitagvormittag von Justizbeamten in den Verhandlungssaal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts geführt werden. Dort müssen sie sich in den kommenden Monaten wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Sie sollen die tödliche Attacke auf den jugoslawischen Regimegegner Stjepan Durekovic 1983 im Münchner Vorort Wolfratshausen vorbereitet haben.

Äußerlich gelassen und unberührt verfolgen Mustac und Perkovic die Verlesung der Anklageschrift durch Bundesanwalt Wolf-Dieter Dietrich. Kein empörtes Kopfschütteln, als Dietrich von systematischen Mordanschlägen der jugoslawischen Geheimdienste gegen in Deutschland lebende Oppositionelle seit dem Jahr 1967 spricht; keine Proteste, als den Angeklagten vorgeworfen wird, den Mord an Durekovic 1983 geplant und vorbereitet zu haben. Als der Bundesanwalt geendet hat, lassen die beiden Geheimdienstler ihre Verteidiger lediglich erklären, dass sie sich zur Sache nicht äußern werden.

Die „Sache“ geschah am 26. Juli 1983. In einer Wolfratshausener Garage, in der ein Angehöriger der kroatischen Oppositionsszene eine Druckerei betrieb, lauerten drei Täter Durekovic auf. Sechs Schüsse trafen den 57-Jährigen in Kopf und Rücken, bevor die Angreifer ihrem Opfer noch mit einem Haumesser den Schädel einschlugen. Die Mörder sind bis heute nicht identifiziert; dafür aber wurde 2008 in München bereits der Garagenbesitzer wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt – der Mann, ein kroatischer Geheimdienstagent, soll seinem Führungsoffizier Josip Perkovic den Garagenschlüssel überlassen haben.

Erstmals hat ein europäisches Land zwei seiner höchsten Geheimdienstoffiziere an einen anderen Staat ausgeliefert

Perkovic, der nun vor Gericht steht, leitete damals im SDS, der kroatischen Filiale des jugoslawischen Geheimdienstes, die Abteilung „Feindliche Emigration“. Die Bundesanwaltschaft glaubt, dass er und sein damaliger SDS-Chef Mustac bereits seit dem Frühjahr 1982 den Mord an Durekovic planten. Ihr Auftraggeber sei demnach der spätere jugoslawische Staatspräsident Mika Spiljak gewesen. Das Mordmotiv sei nur vordergründig die politische Einstellung des Opfers gegen das kommunistische Regime gewesen. Tatsächlich sollten kriminelle Machenschaften beim Mineralölkonzern INA vertuscht werden, an dessen Spitze der Sohn von Spiljak stand. Durekovic, bis zu seiner Flucht nach Deutschland im April 1982 Marketingdirektor bei INA, wusste von den kriminellen Geschäften im Staatskonzern.

Der Prozess in München ist eine Premiere. Erstmals hat ein europäisches Land zwei seiner höchsten Geheimdienstoffiziere an einen anderen Staat ausgeliefert, damit sie dort vor Gericht gestellt werden. Zwar hatte sich Kroatien jahrelang dagegen gewehrt, letztlich aber knickte die Regierung auf Druck Deutschlands und der EU ein. Im Januar und April 2014 wurden Perkovic und Mustac nach Deutschland überstellt und hier inhaftiert.

Jetzt verhandelt erstmals ein deutsches Gericht gegen zwei Verantwortliche der schlimmsten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwischen 1945 und 1989 sind nach Untersuchungen von Experten insgesamt 67 Kroaten in Deutschland aus politischen Gründen ermordet worden. Wie viele von ihnen der SDS auf dem Gewissen hat, weiß niemand genau. Ermittler gehen davon aus, dass allein zwischen 1970 bis 1989 mindestens 22 Morde in Deutschland vom kroatischen Geheimdienst in Auftrag gegeben wurden.

Bundesregierung und Behörden, insbesondere die hiesigen Geheimdienste, wussten um den Untergrundkrieg Belgrads auf deutschem Boden. Führten doch Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst etliche Quellen unter den 9 500 Exilkroaten in Deutschland. Auch Durekovic soll – das geht aus einer bekanntgewordenen Notiz in den Ermittlungsakten hervor – zeitweise mit dem BND kooperiert haben.

Der deutsche Staat ging seinerzeit kaum gegen die Hinterleute der Mordserie an Exilkroaten vor. Den FDP-Politiker Gerhart Baum, von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister, reut das heute. Er habe damals geahnt, dass der jugoslawische Geheimdienst hinter den Morden stecke, räumte Baum kürzlich in einem Fernsehinterview ein. Das Ganze sei ein „Eingriff in Deutschlands Souveränität“ gewesen. „Das konnten wir uns nicht bieten lassen, aber was sollten wir tun?“, fragte er.

50 Verhandlungstage angesetzt

Baum spielt damit auf die geopolitischen Interessen des Westens im Kalten Krieg an. Das Belgrader Regime des 1980 verstorbenen Marschalls Josip Broz Tito und seiner Nachfolger verfolgte zwar unbarmherzig seine politischen Feinde bis ins Ausland. Aber der Westen schaute großzügig weg, denn Jugoslawien stand an der Spitze des Verbundes der sogenannten blockfreien Staaten, die man gern gegen den Warschauer Pakt in Stellung brachte. Außerdem pflegte insbesondere der BND informelle Kanäle nach Belgrad, weil der Vielvölkerstaat auf dem Balkan wichtiges Transitland für Terroristen und Waffenlieferungen in den Nahen Osten war. Pullach fürchtete, bei einem Vorgehen gegen jugoslawische Dienste von Informationen etwa über Reisewege deutscher RAF-Terroristen abgeschnitten zu werden.

Der Prozess in München wird die Zeit des Kalten Krieges noch einmal auferstehen lassen. Das Gericht nimmt sich dafür viel Zeit: 50 Verhandlungstage bis in das kommende Frühjahr hinein sind schon jetzt angesetzt, 44 Zeugen und sieben Sachverständige wurden geladen. Doch keiner der Prozessbeteiligten wagt eine Prognose, ob das reichen wird, um den Mord an Stjepan Durekovic von 1983 und seine Hintergründe endlich vollständig aufzuklären.