COTTBUS. "Ich räume ein, dass ich gravierende Fehler begangen habe", sagt Andreas N. vor dem Cottbuser Landgericht. Dort müssen sich der 44-jährige einstige Zugvorbereiter aus Berlin und der ehemalige Lokführer Hagen T. seit Freitag wegen der Zugkatastrophe von Elsterwerda (Elbe-Elster) vor fünf Jahren verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Bahnangestellten fahrlässige Tötung in zwei und fahrlässige Körperverletzung in sieben Fällen vor.Andreas N. soll laut Anklage den Güterzug trotz nicht funktionstüchtiger Bremsanlage auf den Weg von Berlin nach Elsterwerda geschickt haben. "Ich habe gewusst, dass wir noch eine Bremsprobe hätten machen müssen", gibt N. vor Gericht zu. Doch er habe nur daran gedacht, dass der Lokführer ja bald Feierabend machen wollte.Am 20. November 1997 war ein Güterzug mit 22 Kesselwagen ungebremst in den Bahnhof von Elsterwerda gerast. Die Lok riss sich los, der Zug entgleiste. 15 der 22 mit Benzin gefüllten Waggons kippten um und liefen aus. Zwei Wagen explodierten. In der Feuerwalze, die über den Bahnhof und den Vorplatz hinwegfegte, starben Stadtbrandmeister Horst Mechelk (66) und der Feuerwehrmann Horst Gautsch (59). Sieben Helfer wurden zum Teil lebensgefährlich verbrannt.Für Hagen T. sollte es an jenem Tag nach zwölfstündiger Schicht die letzte Fahrt sein. Unterwegs, so sagt der Lokführer, habe er nur gemerkt, dass sich der Zug schwer bremsen lasse. Erst kurz vor dem Bahnhof Elsterwerda sei ihm klar geworden, dass etwas faul war: nur die Lok ließ sich bremsen, nicht aber die Kesselwagen. Auch eine Notbremsung half nichts. Und so raste der Zug mit mehr als 80 Kilometern pro Stunde statt der erlaubten 40 Stundenkilometer in die Elsterwerdaer Station.Die Ermittlungen ergaben, dass am Startbahnhof in Berlin-Grünau die Hydraulik-Bremsanlage nicht ordnungsgemäß überprüft worden war. Lokführer Hagen T. hatte seine Lok am Zug angekoppelt und die Luftventile geöffnet. Doch die Bremsen an den einzelnen Waggons blieben geschlossen. Zugvorbereiter Andreas N. löste daraufhin die Bremsen an jedem Wagen mit der Hand. Das ist in solchen Fällen normal, doch muss dann die Bremsanlage erneut überprüft werden. "Mir war das klar, ich weiß auch nicht, warum ich das nicht gemacht habe", sagte der Zugvorbereiter.Er habe vor der erneuten Funktionsprobe zunächst den richtigen Fahrplan für den Kesselzug beim Fahrdienstleiter holen wollen und sei dann irritiert gewesen, dass Hagen T. mit dem Güterzug bereits an das Abfahrtssignal gefahren war. "Ich habe in diesem Augenblick einfach nicht mehr an die Bremsen gedacht", sagt er. Außerdem hätte auch der Lokführer wissen müssen, dass der Zug noch nicht abfahrtsbereit war. Hagen T. hingegen bestreitet dies. "Der Zugvorbereiter ist zu mir gekommen und hat gesagt, die Bremsen sind in Ordnung", widerspricht er seinem ehemaligen Kollegen. Also sei er losgefahren.Andreas N. hatte zeitgleich zum Unglückszug in Berlin zwei weitere Güterzüge abfertigen müssen. Den Verdacht, er habe vielleicht irrtümlich das OK des Zugvorbereiters für einen der anderen Züge für sich gewertet, wies der Lokführer von sich. "Er hat eindeutig zu mir gesagt, dass alles in Ordnung ist", sagt Hagen T. Damit steht Aussage gegen Aussage und das Gericht muss klären, wer die Wahrheit sagt. Sechs Verhandlungstage sind vorgesehen. Am 16. Dezember soll das Urteil fallen.Vor Prozessbeginn erklärte die Deutsche Bahn, dass nach der Katastrophe an 122 Geschädigte rund 1,2 Millionen Euro an Entschädigungsleistungen gezahlt wurden.Zitat: "Ich habe einfach nicht mehr an die Bremsen gedacht. " Hagen T. , Zugvorbereiter.