BRÜSSEL, 22. November. Der kanadische Bahnhersteller Bombardier hat der EU-Kommission wesentliche Zugeständnisse gemacht, um die Genehmigung für die Übernahme von Adtranz zu erhalten. Wie die "Berliner Zeitung" am Mittwoch aus EU-Kreisen erfuhr, sind die Chancen für die Schienenfahrzeug-Fusion damit erheblich gestiegen. Nach dem Vorschlag von Bombardier und Adtranz stimmte die EU-Kommission einer Verlängerung der Prüfungsfrist um zwei Wochen zu. "Das ist ein gutes Zeichen", hieß es in EU-Kreisen. Die Kommission muss nun bis zum 6. Dezember entscheiden, ob sie die Adtranz-Übernahme ohne weitere Verzögerungen genehmigt oder doch noch eine detaillierte Prüfung einleitet, die nochmals vier Monate in Anspruch nehmen würde. In den EU-Kreisen hielt man es inzwischen für wahrscheinlich, dass die Kommission auf weitere Untersuchungen verzichtet.Verkauf oder SchließungZu den Zugeständnissen, die Bombardier und Adtranz der EU-Kommission angeboten haben, wollten sich die EU-Vertreter zwar zunächst nicht äußern. Doch verwiesen auch sie darauf, dass die beiden Unternehmen zusammen zum Teil sehr hohe Marktanteile bei der Schienentechnik erreichten. Wie aus Branchenkreisen verlautete, haben Bombardier und Adtranz vor allem in den Sparten Lokomotiven für den Regionalverkehr und bei Straßenbahnen beziehungsweise S-Bahnen eine marktbeherrschende Stellung in Deutschland. "Ich schätze, dass Bombardier/Adtranz in diesen Sparten auf einen Marktanteil in Deutschland von jeweils rund 70 Prozent kommen", sagte Wolfram Martinsen, ehemaliger Chef von Siemens Verkehrstechnik, der "Berliner Zeitung". Martinsen: "Hier muss die EU auf jeden Fall eingreifen." Möglich sei ein Verkauf von Produktionsteilen an Mitwettbewerber, "allerdings besitzen sowohl Siemens Verkehrstechnik als auch Alstom genügend Know-how, um dieses Segment selbst zu bedienen", sagte Martinsen. Es sei aber denkbar, dass die beiden wichtigsten Mitwettbewerber in der Bahntechnik sich an Sparten von Bombardier und Adtranz beteiligen, "damit kein zusätzlicher Konkurrent auf den deutschen Markt kommen kann". Um die Auflagen der EU zu erfüllen, sei aber auch "eine Schließung von Werksteilen nicht auszuschließen", sagte Martinsen.3 000 Stellen bedrohtDas wiederum würde den Standort Berlin-Brandenburg erheblich treffen. Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, Hartmann Kleiner, erwartet, dass durch den Zusammenschluss der beiden Bahntechnikhersteller tausende Stellen in Berlin bedroht sind. "Wenn die Rationalisierungsmaßnahmen vor allem in den Berliner und Brandenburger Werken erfolgen, werden davon einschließlich der Zulieferindustrie 2 000 bis 3 000 Stellen betroffen sein", sagte Kleiner. Der Grund: In beiden Unternehmen gibt es praktisch in allen Sparten zum Teil erhebliche Überschneidungen in der Produktion. Damit stelle sich zugleich die Frage nach der Zukunft des Kompetenzzentrums Verkehrstechnik in Berlin. Zumal Bombardier - wie bereits berichtet - auch erwägt, seinen Europa-Sitz nach Brüssel zu verlagern. In einer Mitteilung an die Belegschaft, die am Dienstag verteilt wurde, hieß es, über den künftigen Hauptsitz "wird im Moment noch diskutiert". Mit der Übernahme von Adtranz durch Bombardier entsteht der größte Bahntechnikkonzern der Welt. Gemeinsam wird das Unternehmen 38 000 Mitarbeiter in 42 Betriebsstätten und 23 Ländern beschäftigen. Der Umsatz wird sich voraussichtlich auf 8,4 Milliarden Kanadische Dollar (6,6 Milliarden Euro) belaufen - das entspricht nach Bombardier-Angaben etwa 40 Prozent des Geschäftsumsatzes des gesamten Konzerns, zu dem noch die Sparten Flugzeuge und Freizeitfahrzeuge gehören.PETRA SCHNEIDER Niederflurstraßenbahn von Adtranz - bei Straßenbahnen und Regionalzügen haben Adtranz und Bombardier eine Monopolstellung.