In Michail Bulgakows Groteske "Hundeherz" aus dem Jahre 1925 wird am Schicksal des "proletarischen Straßenköters" Scharik das Scheitern eines gesellschaftlichen Experiments vorgestellt, das zu dieser Zeit noch in vollem Gange war. Um einen vorbildlichen Parteigenossen zu generieren, implantiert Professor Preobrashenski ("der Umformer") dem Hund menschliche Organe - freilich ohne den erhofften Erfolg, und so wird am Ende das faul und habgierig gebliebene Wesen in einen Straßenköter zurückverwandelt.Theorie der ReflexeIn einem neuen Dokumentarfilm von Regine Kühn und Eduard Schreiber sieht man Szenen aus der dramatischen Fassung von "Hundeherz", unterbrochen von historischen Aufnahmen eines Pawlow schen Experiments. Tatsächlich war es Nobelpreisträger Iwan Pawlow selbst, der sich dem Ansinnen des damaligen Verteidigungsministers Trotzki verweigerte, aus Freudianismus, Marxismus und der Theorie der bedingten Reflexe eine Gesellschaftstherapie zu entwickeln. Bulgakows Groteske erzählt vom Erwachen aus einem Traum, der "Trotzkis Traum" war: bei der berüchtigten Erschaffung des "Neuen Menschen" die Psychoanalyse zu Hilfe zu nehmen.Kühn und Schreiber wenden sich in "Trotzkis Traum" nach vier Russlandfilmen und einer Langzeitdokumentation über den Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR den frühen Jahren der Sowjetunion zu. Die Psychoanalyse wurde nach 1917 nicht nur bei der Intelligenzija, sondern auch beim breiten Lesepublikum populär. Als wissenschaftliche Methode sollte sie der Massenerziehung nachhelfen wie der Marxismus dem Umbau der Produktionsverhältnisse. Trotzkis Traum war nicht die teure freudianische Einzeltherapie, sondern die rationelle Anwendung im großen Stil: der therapeutische Marsch durch die Maschinenhallen.Der im Auftrag von Mitteldeutschem Rundfunk und Arte produzierte und jetzt im Literaturforum im Brecht-Haus gezeigte Film enthält bisher unbekannte Aufnahmen aus einer Moskauer psychiatrischen Klinik von 1924. Man sieht heitere Patienten, gefilmt von Dsiga Wertow, und Zwischentitel, die im Namen der Arbeiterklasse ein "Ende der Pogrome" fordern. Vor allem aber stellt der Film Experimente des kollektiven Umbaus aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren in der Sowjetunion vor - entgegen der bekannten sozialistischen Verdammung der Psychoanalyse als einer bürgerlich-individualistischen, dem Archaischen und Irrationalen zugewandten Theorie. Am Sitz der Psychoanalytischen Vereinigung im Moskauer Rjabuschinski-Haus gab es von 1921 bis 1924 ein "Psychoanalytisches Kinderheim", in dem auch Stalins Sohn Wassili erzogen wurde. Dies war freilich eine singuläre und exklusive Einrichtung, in der Elemente der antiautoritären Erziehung mit einem großen Gemeinschaftsethos verknüpft wurden. Auf gesellschaftliche Zurichtung statt auf private Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet war die Pädologie, die Ende der zwanziger Jahre allmählich die Psychoanalyse ablöste. Nun sollten statistische Forschungen die Schaffung des "homo sovieticus" garantieren. Historische Aufnahmen zeigen an Pawlow angelehnte Experimente mit Kindern. Sie waren ganz nach dem Geschmack Maxim Gorkis, der ab 1931 im Rjabuschinski-Haus wohnte und die menschliche Natur durch den Verstand der Arbeiterklasse überwinden wollte. Ein ZK-Beschluss beendete 1936 die "pädologischen Perversionen", und Nicolai Bucharin, Schirmherr der Pädologie, fiel in Ungnade. Er hatte davon geträumt, den qualifizierten Arbeiter durch Menschenzucht zu produzieren, aber die pädologischen Untersuchungen hatten auch katastrophale moralische und intellektuelle Folgen der Kulturrevolution zu Tage gefördert.Betrachtet man die mit Trotzkis Sturz keineswegs verabschiedete Fantasie einer "Reinigung des Menschen" als jenen prometheischen Gestaltungswillen, der unter Stalin mehr und mehr in Terror und Bespitzelung überging, überrascht das große Interesse an einer effizienten "Psychotechnik" schon weniger. Hatte doch Freud selbst, wie das Ende seiner Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" zeigt, der Möglichkeit einer kollektiven Anwendung der Psychoanalyse skeptisch entgegen gesehen. Der zwischen 1904 und 1930 systematisch ins Russische übersetzte Freud galt Stalin immerhin als "Ingenieur der menschlichen Seele".Kühn und Schreiber zeigen, dass die Wirkungsgeschichte auch umgekehrt verlief. Sie lassen den Psychologen Alexander Etkind zu Wort kommen, der mit seinem 1996 auf Deutsch erschienenen Buch "Eros des Unmöglichen" die erste umfassende Geschichte der Psychoanalyse in der frühen Sowjetunion vorgelegt hat. Laut Etkind haben die russische Kultur und sowjetische Revolution bei Entstehung und Entwicklung der Psychoanalyse eine entscheidende Rolle gespielt. Man denke nur an Lou Andreas-Salomé oder an die russische Jüdin Sabina Spielrein, die Analytikerin und langjährige Geliebte Carl Gustav Jungs, deren Schriften Freud zu seinem Todestrieb-Konzept anregten. Oder an Adolf Joffe, einen Lieblingspatienten Alfred Adlers, der in Wien mit Trotzki die "Prawda" herausgab und von seiner Séance direkt ins Redaktionsbüro ging, oder an Adler selbst, der unter dem Einfluss der russischen Marxisten dem Machttrieb die fundamentale Bedeutung gab: "Nicht nur hat Adler Trotzki beeinflusst", sagt Etkind, "sondern auch Trotzki Adler".Der sowjetischen Psychoanalyse ging es überhaupt weniger um Fragen der Sexualität oder um die Methode der Übertragung. Der Petersburger Schriftsteller Viktor Kriwulin hat die Vermutung geäußert, eine Vorahnung der historischen Tragödie habe die Popularität der Psychoanalyse schon am Vorabend der Revolution ins Mystische, Apokalyptische und Suizidale gesteigert. Etkinds detektivisch recherchiertes Buch bietet dafür viele Belege, vor allem lässt es mehr als "Trotzkis Traum" den Anteil erkennen, den die utopischen Illusionen der Analytiker und Schriftsteller an den immer neuen politischen Kurswechseln hatten. Alexander Lurija zum Beispiel, der seine Karriere bei der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung begann, baute einen Lügendetektor für die Moskauer Schauprozesse.Macht- und TodestriebEtkind bringt anhand der oft katastrophal verlaufenen Analytikerbiografien Macht- und Todestrieb in einen spekulativen Zusammenhang: 1927 beging Adolf Joffe Selbstmord, und Trotzkis Grabrede war dessen letzter öffentlicher Auftritt in der Sowjetunion. Isaak Spielrein, ein Bruder Sabinas, widmete sich in seinem "Psychotechnischen Labor" einer ganz auf die Bedürfnisse der industriellen Modernisierung abgestellten Arbeitspsychologie und fiel dennoch dem stalinistischen Terror zum Opfer. In der Zeit der Arbeiterweltrekorde waren Spielreins Eignungstests und sensible Psychogramme nicht mehr opportun. Wladimir Bechterev, der mit Gruppenhypnose den massenhaften Alkoholismus am Arbeitsplatz erfolgreich bekämpfte, starb an einer Lebensmittelvergiftung - einen Tag, nachdem er bei Stalin "Paranoia" diagnostiziert hatte. Etkinds Buch und "Trotzkis Traum" lassen keinen Zweifel daran, dass ein konsequenter Vollzug der kollektiven Psychotherapie sehr viel mehr Menschenleben zerstört hätte.UNIONBILD GMBH Im ganzen Land entstanden Forschungszentren für den kollektiven Umbau des Menschen.