Jenny (13) hat Pickel am Po. Bislang hat sie das kaum gestört, doch seitdem sie sich für Jungs interessiert, versucht sie es wechselweise mit Clearasil, Bodylotion und Hautpeeling - ohne Erfolg. Tom (14) sorgt sich um seinen Bauch und seinen Penis. Der eine ist zu groß geraten, der andere zu klein. Umgekehrt wäre besser, meint Tom. Im Internetforum kids-hotline schreibt er: "Ich bin total depri, weil ich der uncoolste in der ganzen Klasse bin."Was Eltern für Luxusprobleme halten mögen, ist für Jenny und Tom existenziell. Von der Peer-Group, den Gleichgesinnten und Gleichaltrigen, gemocht und bewundert werden - das gehört zur Pubertät wie die erste Periode oder das erste Mal. Und was Mutter oder Vater sagen, ist ohnehin zweitrangig. Jenny und Tom sind dabei, sich emotional von ihren Eltern zu lösen, und sich selbst neu zu erfinden. Kindheit war gestern.Vor 150 Jahren wäre ein 14-Jähriger ohne Netz und doppelten Boden in die Erwachsenenwelt hin-übergewechselt. Er wäre Teil einer neuen Generation geworden, die - im idealtypischen Fall - die Arbeit erledigt, die Gesellschaft durch eigene Ideen weiterentwickelt, gleichzeitig die Alten versorgt und mit der Zeit auch daran denkt, eine eigene Familie zu gründen. Der 14-Jährige wäre jemand gewesen, auf den man setzt, dem man viel zutraut, der Verantwortung übernimmt für sich und für andere. Heute sind Jugendliche am Ende der Pubertät, die bis zum 25. Lebensjahr dauern kann, so etwas wie Erwachsene auf Probe. Ihre einst hoch geschätzte Bereitschaft, ausgetretene Pfade zu verlassen, Neues zu wagen und dabei auch Risiken einzugehen, sind heute kaum noch gefragt.Eine schwierige Situation, wie der Neurobiologe Ralph Dawirs von der Universitätsklinik Erlangen feststellt. Jahrmillionen Jahre seien die mit der Pubertät verbundenen Fähigkeiten "Motor der Kulturentwicklung" gewesen. "Heute hingegen erwacht der Pubertist aus seiner emotionalen Umorientierung und muss feststellen: Die Alten sind immer noch da. Und sie sind topfit."Kein Generationswechsel mehrDawirs konstatiert, dass es keinen wirklichen Generationswechsel mehr gibt. Er spricht stattdessen von "Parallelgenerationen" - ein Konstrukt, das für die Jungen zur Belastung wird. Er und der Kinderpsychiater Gunther Moll ("Endlich in der Pubertät! Vom Sinn der wilden Jahre") plädieren deshalb dafür, die jungen Erwachsenen dahin zu lassen, wo sie hingehören, nämlich in die Mitte der Gesellschaft."Es ist nur eine Erfindung der modernen Zeit, dass wir, die Großen, die Jungen so lange klein halten", argumentiert Gunther Moll. Der Wissenschaftler und Grünen-Politiker hat deshalb den provokanten Vorschlag gemacht, das passive und aktive Wahlrecht auf 14 Jahre herabzusetzen. 14-Jährige im Bundestag? "Warum nicht? Dann würde sich in unserer Gesellschaft sehr viel verändern", sagt Moll und denkt dabei unter anderem an Klimakatastrophe und Kinderarmut - beidem würde die junge Generation vermutlich Priorität einräumen, wenn sie denn dürfte.Wirklich? Klima und Kinderarmut sind große Themen, wenn man an das gelegentliche Klein-Klein der Pubertierenden-Welt denkt, in der alles um die Ich-Findung kreist; in der Hochs und Tiefs so sicher aufeinanderfolgen wie die Gezeiten im Wattenmeer. Joe (15) zum Beispiel schwimmt gerade auf einer Welle von Selbstmitleid. "Vor zehn Minuten hatte ich so eine Laune - ich könnte mich umbringen. Jetzt gehts wieder besser" schreibt er seinen Frust ins Netz. Eine Gleichaltrige thematisiert ihre Schüchternheit: "Ich habe oft das Gefühl mir selber im Weg zu stehen."Die Macher von Internetforen wie kids-hotline erreichen viele "Notrufe" von Pubertierenden. Der in München ansässige Verein war vor zehn Jahren einer der ersten bundesweit, der Jugendlichen anonyme Beratung und Chats mit Gleichaltrigen anbot. Und stieß damit in eine Beratungslücke. Denn der Austausch im Netz fällt vielen Jugendlichen leichter, als konkrete Fragen im Freundeskreis oder im Elternhaus zu stellen.Neben den Klassikern wie "Muss zum ersten Mal zum Frauenarzt. Was passiert da?" oder "Mein Freund will kein Kondom benutzen" sind nach Angaben der Betreiber auch neue Themen dazugekommen. "Es gibt viele Jugendliche mit Existenzängsten", erzählt Annette Cieslinski von kids-hotline. Fragen nach Ausbildung und Job würden sehr häufig gestellt. Immer öfter gehe es in den Foren aber auch um Themen wie Essstörungen, Mobbing in der Schule oder Selbstverletzungen.Die Pubertät gilt seit jeher als Hochrisikophase. Niemals davor und niemals danach ist die Gefahr größer, an Leib oder Seele verletzt zu werden. Gleichzeitig ist das Risiko eine wichtige Erfahrung für Pubertierende, wenn sie den schützenden Raum der Kindheit verlassen. Vor allem Jungen suchen den ultimativen Kick, testen ihre Grenzen beim Drogenkonsum oder messen ihre Kräfte mit Gleichaltrigen. Größer, schneller, weiter. Wer da nicht mithalten kann, bleibt manchmal emotional auf der Strecke - wie eben Tom, der Junge mit dem dicken Bauch und dem kleinen Penis.Vielleicht beruhigt es den unglücklichen 14-Jährigen, dass in der Pubertät jedes Abweichen von der selbst gesetzten Norm zum Problem werden kann. Wenige Tage nach Toms Hilferuf im Internet schreibt Kevin (15) verzweifelt: "Hallo, ich habe ein Riesenproblem, mein Penis ist viel zu groß. Kann man das ändern?" "Leider nein", lautet die Antwort des Foren-Betreuers: "Aber eine Option wäre, einfach weite Hosen zu tragen."------------------------------Foto: Zahnspangen und unreine Haut - die Gründe, sich zwischen elf und 16 lausig zu fühlen, sind mannigfaltig.