Wenn Söhne erwachsen werden, stehen viele Mütter vor einem Rätsel: Sämtliche Bemühungen, sie zu offenen, sensiblen und verantwortungsbewußten Männern zu erziehen, scheinen vergeblich. Die Psychologin Ann Caron rät in dieser Phase davon ab, Kumpel für den Sohn sein zu wollen.Mit Beginn der Pubertät gehen selbst bislang liebevolle kleine Jungen auf Distanz. Sie geben sich cool und legen "typisch männliches" Verhalten an den Tag. Sie wollen in Ruhe gelassen werden und tun dürfen, was sie wollen. Regeln, Einmischung und Kontrolle durch die Mütter sind, so scheint es, verpönt.In dieser Phase wissen viele Mütter nicht, wie sie sich verhalten sollen. Während sie bei der Erziehung ihrer pubertierenden Töchter zumindest auf ihre eigene Jugend zurückblicken können, können die meisten Mütter kaum nachvollziehen, was in ihren Söhnen vorgeht. Die Väter kümmern sich oft nur wenig um die Erziehung, obwohl gerade heranwachsende Söhne männliche Zuwendung brauchen.Die Unsicherheit der Mütter im Umgang mit den pubertierenden Söhnen wird durch Fachleute noch verstärkt, die betonen, daß starke Mütter schwache Söhne erziehen oder die in einer zu starken Bindung an die Mutter eine Ursache für die Homosexualität des Sohnes sehen. Und so ziehen sich Mütter in dieser Phase oft zurück und lassen ihrem Sohn die Freiheit, die er scheinbar wünscht und braucht.Nach Einschätzung von Ann Caron tun sie ihren Söhnen damit keinen Gefallen. Die amerikanische Psychologin vertritt in ihrem Buch "Wenn Söhne Männer werden" die These, daß heranwachsende Söhne ihre Mütter brauchen und daß Mütter viel Einfluß auf ihre Söhne haben sollten. Eine starke Bindung zur Mutter könne dem Jungen helfen herauszufinden, wer er ist."Ein heranwachsender Junge wünscht sich, daß seine Mutter an ihn glaubt, sich ihm verbunden fühlt und ihm die Unterstützung gibt, die er braucht, um die Teenagerzeit erfolgreich zu bestehen", betont sie. "Er will eigentlich keine Unabhängigkeit, sondern als Individuum anerkannt werden."Auch wenn sie dies nicht zeigen, sondern sich vehement dagegen wehren, von ihren Müttern ausgefragt zu werden, wollen pubertierende Jungen, daß ihre Mütter sich um sie kümmern. Sie wollen die Bestätigung, daß sie geliebt und geschätzt werden. Doch sie brauchen ihre Mütter nicht als Freund oder Kumpel, sondern als Persönlichkeit, die sie führt, ihnen zuhört, ihnen hilft, Entscheidungen zu treffen. Ohne Führung, so Ann Caron, können Heranwachsende nicht glücklich sein."Jungen brauchen klare Richtlinien", erklärt die Autorin. Eltern sollten diese Richtlinien - möglichst gemeinsam mit dem Sohn - festlegen. Welche Regeln angemessen sind, müssen letztendlich jedoch die Eltern entscheiden."Wenn die Jugendlichen erkennen, daß es feste Regeln gibt, nach denen sie sich richten müssen, handeln sie meist auch viel verantwortlicher", weiß Ann Caron, selbst Mutter von vier inzwischen erwachsenen Söhnen.Sie hält es für nötig, daß Mütter das Verhalten der Jungen überwachen. Denn Untersuchungen zeigen, daß Jugendliche, deren Verhalten von wachsamen und fürsorglichen Eltern kontrolliert wurde, weniger trinken, seltener Drogen nehmen und seltener auffällige Verhaltensweisen zeigen als andere. Außerdem sollten sich Eltern sowohl um die schulischen als auch um die außerschulischen Aktivitäten ihrer Söhne kümmern. Freizeitaktivitäten und Hobbys sind für heranwachsende Jungen sehr wichtig. "Sie brauchen Herausforderungen und Anreize", stellt die Psychologin fest. "Helfen sie Ihrem Sohn, eine Beschäftigung zu finden, die er gern macht."Freizeitaktivitäten wirken sich oft positiv auf das Selbstbewußtsein und die Schulleistungen aus; außerdem haben Untersuchungen gezeigt, daß Männer und Frauen, die als Jugendliche an außerschulischen Aktivitäten teilgenommen haben, als Erwachsene erfolgreicher sind als andere.Wichtig ist auch, daß Mütter ihren Söhnen zeigen, daß sie ihnen vertrauen und sie für fähig halten, schwierige Situationen zu meistern. "Je mehr Verantwortung Mütter ihren Söhnen übertragen, um so verantwortungsvoller werden sie sich fühlen", betont die Autorin. "Lassen Sie ihn soviel wie möglich selbst machen."Um Mißverständnissen vorzubeugen, müssen Mütter ihre Wünsche, Forderungen und Ansprüche allerdings klar ausdrücken. "Mit Jungen muß man Klartext reden", rät sie. Denn heranwachsende Jungen verstehen meist nur direkte Anweisungen; Feinheiten werden von ihnen oft überhört oder falsch verstanden. Ann F. Caron: Wenn Söhne Männer werden. Ein Ratgeber für Mütter. Kösel Verlag, München 1996, 320 Seiten, 33,30 Mark. +++