Kaum eine Form des Nichtstuns ist gesellschaftlich so hoch angesehen wie das Warten. Schließlich macht es keinen Spaß und ist meistens ein Anzeichen dafür, dass man seine staatsbürgerlichen Pflichten (Post wegbringen, Zahnstein entfernen lassen, nur dann in Urlaub fahren, wenn es alle anderen auch tun) ernst nimmt. In den letzten Jahren aber wurden einige warteintensive Ämtergänge durch Onlineverfahren ersetzt, Fotos müssen nicht mehr entwickelt werden, und die Packstation nimmt einer der letzten Bastionen des Schlangestehens weitgehend ihren Schrecken. Die Zukunft des Wartens ist ungewiss.Wie die Vergangenheit des Wartens aussah, wissen wir unter anderem aus der Encyclopaedia Britannica, die über das Hongkong der 1960er Jahre berichtet: "Das Einlösen eines Schecks, das Einsteigen in einen Bus oder der Kauf eines Zugtickets erforderte rohe Gewalt. Als 1975 die erste McDonald's-Filiale eröffnete, drängten sich die Gäste um die Kassen, wo sie schreiend und mit Geld winkend Bestellungen aufzugeben versuchten." (Am Tresen gut gefüllter Clubs kann man diese prähistorische Technik nach wie vor beobachten.) Und weiter: "McDonald's begegnete dem Problem durch die Einführung von Schlangen-Ordnerinnen - jungen Frauen, die die Gäste dazu bewegten, gesittet in Reih und Glied zu warten. In der Folge entwickelte sich das Schlangestehen zum Merkmal der kosmopolitischen Mittelschichtkultur Hongkongs."Heute ist auch das simple Warteschlangenstadium schon wieder weitgehend überwunden, ungeordnete Schlangen wie an Supermarktkassen wirken mittlerweile geradezu anachronistisch und inhuman. In den verbliebenen Biotopen des Wartens bemüht man sich darum, das Warteerlebnis kundenschonender zu gestalten, indem man zum Beispiel das psychologische Problem der schnelleren Nachbarschlange aus der Welt schafft.So hat die Deutsche Bahn in ihren größten Reisezentren, darunter auch am Berliner Ostbahnhof, Anfang des Jahres ein Wartenummernsystem eingeführt. Der lange Weg von unorganisierten Schlangen vor jedem Schalter über ein Ein-Schlangen-Nadelöhr bis zur jetzigen Lösung rekapituliert einen Großteil der Phylogenese des Wartens. Für besonders Eilige sollen sogar - analog zum Fast Track am Flughafen - eigene Schalter eingeführt werden, besonders Beratungsbedürftige können sich einen Termin geben lassen. (Dass die Tarifstruktur von Verkehrsmitteln vielleicht nicht unbedingt eigene Beratungstermine erforderlich machen sollte, ist ein anderes Thema.)Wartemissstände bieten auch wirtschaftliche Chancen, nicht nur für die Hersteller von Wartenummerndruckern. In den USA schreibt das 2006 gegründete Unternehmen InQuickER mittlerweile schwarze Zahlen: Die InQuickER-Website zeigt an, mit welchen Wartezeiten in den Ambulanzen der Krankenhäuser rund um den (US-)Wohnort des potenziellen Patienten zu rechnen ist. Der Patient entscheidet sich für einen Termin und verbringt die Wartezeit zu Hause vor dem Fernseher. Wenn er zur von InQuickER angegebenen Zeit im Krankenhaus erscheint, kommt er nach spätestens 15 Minuten dran - oder die Behandlung ist gratis.Der Usability-Forscher Donald Norman hat das Warteproblem als ein Problem der Puffer beschrieben: Der Patientenvorrat im Wartezimmer stellt ebenso einen Puffer dar wie ein Lebensmittelvorrat in den Küchenschränken oder in den Hoden aufbewahrte Spermien. Bei jeder Interaktion zwischen zwei nicht vollkommen synchronisierten Systemen muss eins der beiden Systeme warten. Diesem Zweck dient der Puffer. Smarte Logistik in allen Lebenslagen - nicht zuletzt die Einführung spätkaufförmiger Lebensmittelpuffer in allen Stadtteilen - sorgt ganz allmählich für eine bessere Abstimmung vieler Systeme. Trotzdem ist das Warten, wie Donald Norman schreibt, "ein unvermeidlicher Bestandteil aller Interfaces, ein unvermeidlicher Teil des Lebens. Wie sich Dreck in Ritzen sammelt, so sammeln sich Puffer zwischen Systemen".Vielleicht hat das Warten in Zeiten des Smartphones aber ohnehin seinen Schrecken verloren. Wer im Wartezimmer auf seinem iPhone "Monkey Island""spielen kann, anstatt in "Schöner Wohnen"-Lesezirkelausgaben von 1996 zu blättern, wird das Ende der Wartezeit vielleicht gar nicht so dringend herbeisehnen.