Wegen eines Putin-kritischen Auftritts in einer Moskauer Kirche verbüßt Nadeschda Tolokonnikowa, Sängerin der Band Pussy Riot, eine zweijährige Haftstrafe. Im Oktober wurde sie aus einem Lager in Mordwinien verlegt – wohin, blieb unklar. Vier Wochen lang gab es kein Lebenszeichen von ihr. Erst am Donnerstag erfuhr ihr Mann, der russisch-kanadische Künstler Pjotr Wersilow, dass seine Frau in einem Krankenhaus im sibirischen Krasnojarsk liegt.

Herr Wersilow, wissen Sie schon, wie es Ihrer Frau geht?

Noch nicht genau. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr. Als ich mit ihr telefonieren konnte, war ich aufgrund früherer Hinweise immerhin schon in Sibirien, aber noch 300 Kilometer von Krasnojarsk entfernt.

Wie lange wussten Sie nicht, wo Nadeschda Tolokonnikowa ist?

Ich hatte zuletzt vor anderthalb Monaten mit ihr gesprochen, ihre Anwältin am 18. Oktober. Fast ein Monat ohne Lebenszeichen und ohne Information, wie es ihr geht. Wenn jemand in ein anderes Gefängnis verlegt wird, haben die Behörden das Recht, keine Angaben dazu zu machen. Das haben sie genutzt, um Nadja zu verstecken.

Sie klingen gefasst. Dabei müssen Sie sehr besorgt gewesen sein. Ihre Frau hatte von Gewaltdrohungen berichtet und musste nach einem Hungerstreik auf die Krankenstation.

Natürlich waren wir krank vor Sorge. Aber ich muss der Situation, in der Nadja ist, eben standhalten. Was bleibt uns übrig? Wir sind Aktivisten: Wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert werden wie der, dass einer von uns monatelang fortgeschafft wird, müssen wir Wege finden, uns aufzuspüren. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren und nicht so sehr auf meine Sorgen.

Wie lebt Ihre kleine Tochter damit?

Wir versuchen, sie nicht mit allem zu belasten. Sie ist in Moskau bei ihren Großeltern. Sie malt Bilder für ihre Mutter oder entwirft Fluchtpläne, die sie ihr schickt.

Der Grund für ihre Verlegung war ein offener Brief, in dem sie ihre Haftbedingungen angeprangert hat.

Sie hatte selbst um eine Verlegung gebeten, weil ihr von Wärtern und Mitgefangenen Gewalt angedroht wurde. Das lag auch daran, dass sie öffentlich beklagt hatte, dass die Frauen da 17 Stunden arbeiten müssen; dass 800 Frauen einen Waschraum nutzen, der für fünf gedacht und völlig verdreckt ist; dass es drastische Bestrafungen gab. Sie bat nicht darum, nach Sibirien zu kommen. Aber die sibirischen Gefängnisse sind besser als die in Mordwinien. Dort war es wie im Gulag.

Menschenrechtsgruppen machten auf die Lage Ihrer Frau aufmerksam, um zu helfen. Gab es auch Hilfe von westlichen Politikern?

Es gab großen internationalen Druck im gesamten Fall. Angela Merkel sprach sich noch am Tag des Urteils im August 2012 gegen eine Verurteilung der Mädchen aus. Putin stand unter enormem Druck. Leider hat das die Situation nicht sehr verbessert – außer dass es den Mädchen etwas Sicherheit bringt, dass die gesamte Welt hinsieht.

Die Kritik ließ aber schnell nach.

Es gab durchaus ernste diplomatische Spannungen auch in den letzten Monaten. Nadjas Briefe wurden von westlichen Medien breit aufgegriffen. Leider üben die westlichen Politiker nicht mehr viel Druck aus. Wir wünschen uns, dass vor allem Regierungschefs sich zu Wort melden und von der russischen Regierung verlangen, mit ihren Kritikern nicht so umzugehen.

Gibt es Pussy Riot noch, als Band oder als Aktivistengruppe?

Aber ja. Wir sind nach der Verurteilung der drei Frauen stets in engem Kontakt geblieben, und die Gruppe setzt ihre Aktivitäten fort. Im Sommer haben sie ein neues Video veröffentlicht, das die russische Öl-Förderung kritisierte.

Sie sind weiter von Russland aus aktiv. Ist das nicht riskant?

Das glaube ich nicht. Mag sein, dass wir wieder Ärger bekommen. Wer sich entscheidet, ein politischer Aktivist in Russland zu sein, muss sich eben darauf einstellen, verhaftet oder gar verurteilt zu werden.

Könnten Sie nicht Ihre kanadische Staatsbürgerschaft nutzen, um mit Ihrer Tochter nach Kanada zu gehen und Ihre Frau dann nachzuholen?

Nein. Man kann doch seiner eingesperrten Frau nicht vom Ausland aus helfen! Wir wollen hier bleiben und das Land von innen verändern. Putin und seine Parteigenossen haben doch jede Menge Bankkonten und Residenzen im Ausland. Sollen die doch ins Ausland gehen!

Das Interview führte Steven Geyer.