MOSKAU/SEWASTOPOL - Der Mann, der den Sowjetstern am Himmel über der Krim aufsteigen ließ, balanciert ein kiloschweres Gewicht auf seinen Fingerspitzen und denkt nach. Wie soll er das mit dem Sowjetstern jemandem aus dem Westen erklären? Diese Show, von der jetzt nur noch die Kulisse übrig ist, die Ruinen eines stillgelegten Kieswerkes in der Nähe von Sewastopol.

Alexander Saldostanow ist gerade die Stahlstufen emporgeklettert, auf der Plattform ganz oben ist eine Hantelbank aufgebaut, daneben hängt ein zentnerschwerer Boxsack. Im vergangenen August sprangen von hier aus Stuntmänner mit wehenden Fahnen in die Tiefe. Unten tanzten schwarze Gestalten und schlossen sich zum Hakenkreuz zusammen, über ihnen riesige Hände aus Metallstreben, die sie wie an Fäden bewegten und Obamas Konterfei auf einer Leinwand.

Saldostanow thronte hier oben im Kunstnebel wie ein Achtzigerjahre-Glamrockstar und sprach mit tiefer Stimme: „Von Kiew aus quoll der Faschismus über die ganze Ukraine wie ein giftiger, verwesender Teig.“ Panzer unter ukrainischen Flaggen wühlten sich durch den Sand, Guerillakämpfer mit Kalaschnikows stürmten von allen Seiten herbei, E-Gitarren dröhnten, Trommler in Seefahrerhemden sangen: „Die Stadt ist zurück! Sewastopol wird russisch bleiben.“ Feuerfontänen, Motorräder, und am Ende stieg der Sowjetstern vor 100.000 Zuschauern mit einem Funkenschweif in den Nachthimmel, und alle riefen: „Rossija, Rossija!“

„Scheiß auf die Politik!“

So geht die Geschichte von der Annexion der Krim, wenn Alexander Saldostanow, Anführer der Nachtwölfe, Russlands größter Motorradgang, sie erzählt: eine Heldengeschichte vom Sieg Russlands über die Faschisten aus Kiew, die Marionetten Amerikas, eine Mischung aus düsterem Historienspektakel, Rockkonzert, Motorshow und sozialistischer Militärparade. Saldostanow kann sich heute noch an der Erinnerung berauschen. „Es war ein Zeichen“, ruft er und ballt seine Hand zur Faust. „Scheiß auf die Politik! Scheiß auf Amerika!“

Es ist Anfang Februar, die Tage sind ruhig auf der Krim, während die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Separatisten gerade neu entflammen. Zeit genug, hier oben die Muskeln zu stählen für das, was noch kommt. „Manchmal hilft keine Medizin“, sagt Saldostanow. „Dann muss man die Wunde aus dem Fleisch schneiden.“ Früher hat er als Arzt in der Unfallklinik die Opfer von Moskaus Straßenverkehr zusammengeflickt. Geblieben ist aus dieser Zeit sein Spitzname: der Chirurg. Mit dem Blick, mit dem er einst Unheilbares taktierte, schaut er heute auf die Kämpfe im Osten der Ukraine. Von Friedensverhandlungen hält er nicht viel.

Saldostanow taucht überall dort auf, wo es darum geht, Russlands Stärke zu zeigen. Im Januar hat er den Verein „Anti Maidan“ gegründet, zusammen mit einem Parteifreund Putins und einer Kampfsportmeisterin. Am Sonnabend organisierte sein Verein eine Kundgebung mit 40.000 Teilnehmern, die durch Moskaus Zentrum zogen und riefen: „Russland gegen Maidan, Maidan ist Betrug“. In einem Interview mit Russia Today sagte Alexander Saldostanow: „Wenn die Feinde Russlands mobilisieren, rufe ich dazu auf, sich um den Präsidenten zu versammeln.“

Wladimir Putin und Alexander Saldostanow kennen sich seit einigen Jahren. 2011 fuhr Putin an seiner Seite auf einem Trike durch die russische Hafenstadt Novorossiysk: wehende russische Flaggen, Heavy Metal Musik. Saldostanow trug ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Putin besuchte ihn auch hier auf dem Gelände in Sewastopol und ließ Viktor Janukowitsch, der damals noch Präsident der Ukraine war, stundenlang für einen Motorradausflug mit Saldostanow warten. Der Präsident und der Chirurg – sie passen gut zusammen. Unheimlich gut.

Nachdem Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ihr Punk-Gebet gespielt hatten, stellte Saldostanow seine Männer vor orthodoxe Kirchen im ganzen Land. Als die Bevölkerung der Krim darüber abstimmte, ob sie zu Russland gehören will, standen Nachtwölfe vor dem Regierungsgebäude in Simferopol, am Flughafen und als Kontrollposten an den Straßen neben jenen bewaffneten Männern, über die die Welt rätselte, wo sie so plötzlich hergekommen waren.

Und in den Tagen vor der großen Show fuhren die Nachtwölfe durch die umkämpften Gebiete im Osten der Ukraine, auf Motorrädern, die sie mit wilden Verzierungen versehen hatten wie für ein russisches Remake von „Mad Max“. Putin hat Saldostanow einen Orden verliehen. Er trägt ihn stolz an seiner Lederkutte gleich neben dem Slogan der Nachtwölfe: „Wo wir sind, ist Russland“.

Nachtwölfe auf der Krim

Auf der Krim sind sie bereits, zum Beispiel in Jalta, jenem beschaulichen Seebad am Schwarzen Meer, wo Stalin, Roosevelt und Churchill im Februar 1945 bei Zigarren und Kaviar Europa aufteilten. Saldostanows Mann hier ist ein kleiner Kerl mit Knollnase und schiefem Grinsen, sein rechtes Bein hat er bei einem Motorradunfall verloren, die Prothese macht seinen breiten Gang wankend. Sie nennen ihn Katok. Die Walze. Katoks Kutte trägt eine lange Schramme an der Seite, Souvenir einer Messerstecherei. Vor fünf Jahren bereits hat ihn Saldostanow von Moskau nach Jalta geschickt, „um für Ordnung zu sorgen“, wie Katok es formuliert.

Er war früher Kampfpilot. Heute, sagt er, sei er Bauunternehmer. Eines seiner Hochhäuser thront über der Bucht, es hat die Form einer Klinge, die Spitze leuchtet in den Nationalfarben Russlands. Wenn Katok eine SMS bekommt, ertönt eine Motorradhupe. Auf dem Handy zeigt er Fotos, auf denen er Putin die Hand schüttelt, und solche von den Tagen des Referendums: Kalaschnikows auf dem Beifahrersitz seines Autos, dazwischen ein Wolfsfell. Wenn man Katok fragt, ob sie die Waffen jemals eingesetzt haben, antwortet er, dass es Nachtwölfe gibt, die jetzt gerade an der Seite der Separatisten kämpfen. Woher die Waffen stammen, sagt er nicht.

Jeder Versuch, die Nachtwölfe zu erklären, ist wie das Spiel mit einer Matrjoschka. Unter jeder Puppe verbirgt sich eine weitere. Jede steht für sich, und doch gehören sie alle zusammen. Es ist immer die kleinste Puppe, die als erstes gefertigt wird; sie gibt die Form vor, nach der die anderen geschnitzt werden.

Wer diesen Kern von Alexander Saldostanow kennt, nennt ihn Sascha. Als Sascha Anfang 20 war und frisch verheiratet mit einer Deutschen, reiste er nach West-Berlin. Es war Anfang der Achtziger, Saldostanow wollte raus aus der Enge der Sowjetunion, wo man ihm als Kind erzählte, dass die Amerikaner winzige Rasierklingen in Kaugummis versteckten. Er hatte diese Geschichte nie geglaubt. Er hörte amerikanische Rockmusik, liebte Motorräder, trug die Haare lang und dazu eine Lederjacke mit schwarzen Fransen, auf die er sowjetische Arbeiterabzeichen genäht hatte.

In Berlin ging er ins Sexton am Winterfeldtplatz, ein mitternachtsblauer Club, dreckig wie ein Aschenbecher, Lars von Metallica und Lemmy von Motörhead soffen dort die Nächte durch. Sascha trank einen Wodka mit dem Besitzer, und noch einen. Eine Woche später zog er in das besetzte Haus gegenüber und arbeitete als Türsteher.

Von Berlin nach Moskau

Geschichten aus dieser Zeit erzählen von einem Mann, der Frauen gegenüber schüchtern war, gerne Bud-Spencer-Filme schaute, für Ordnung sorgte, wenn einer Stress im Club machte, aber niemals selbst einen Streit anfing. Auf Alexander Saldostanow war Verlass. Einmal schaffte Sascha es allerdings in die Zeitung: ein bewaffneter Überfall. Er verpasste dem Angreifer eine Kopfnuss, so hart, dass ihm anschließend dessen Zähne aus dem Kopf geschnitten werden mussten.

Was ihm am besten gefallen hat in diesen Jahren? „Wenn draußen die Sonne aufging und das erste Tageslicht in den Club fiel“, sagt Alexander Saldostanow. Dann wurde alles so leicht. Sie lachten viel in diesen Morgenstunden. „Ich habe in Moskau immer versucht, diese Momente nachzuahmen.“ Er machte seinen eigenen Club auf, ließ in Berlin die Wände abfotografieren und sie eins zu eins nachbauen. Ein Sexton in Moskau – es soll der erste Rockerclub Russlands gewesen sein. Er wurde das Hauptquartier der Night Wolves, die Sascha Ende der Achtziger gegründet hatte. Damals war der Name noch Englisch, heute verwenden sie ihn nur noch auf Russisch: Nocnie Volki.

Am Rande der Kiesgrube haben die Nachtwölfe ihr Büro. Der stellvertretende Bürgermeister Sewastopols ist gerade zur Tür raus. Auf dem Tisch stehen dampfende Kartoffeln, eingelegte Gurken, gebratener Fisch. „Alles frisch“, sagt Saldostanow. „In Moskau schmeckt das Essen nur noch nach Plastik.“ Der Wein dazu ist selbstgekeltert. Neben dem Ofen prangt ein gemaltes Bild von Stalin an der Wand, er sitzt auf einem Motorrad und sieht ein bisschen aus wie ein schnauzbärtiger James Dean.

Saldostanows Finger glänzen vom Fett, er steckt sich einen Zweig Dill in den Mund, kaut. „Siehst du den Brathering?“, sagt er. „Du kannst sagen, das ist ein Apfel. Und es wird trotzdem ein Fisch bleiben. Also lass ihn ein Fisch sein.“ Die Ukraine, die Wiege der slawischen Kultur. Kiew, die Mutter Russlands. Die Geschichte gibt ihm recht, so sieht er das. Jedem Zweifel hält er den Glauben entgegen. In der Ecke des Raumes stehen Madonnen. Vor ein paar Jahren habe mal ein Pope zu ihm gesagt: „Du rettest die russische Seele mit dem, was du machst.“ Er hat das als Auftrag verstanden. Keine Drogen, keine Prostitution, sagt er. Sie suchen lieber die Nähe zur Macht.

Umringt wie ein Popstar

Und die sucht die Nähe zu ihnen. Ein Anruf, und der Kommandant der Moskva, des Flaggschiffes der Schwarzmeerflotte, die im Hafen von Sewastopol liegt, empfängt Saldostanow. Unter Deck, wo in einem kleinen Raum die Devotionalien gehortet werden, die an Besuche von Staatsoberhäuptern an Bord erinnern, steht, zwischen einer Grußplakette von George Bush und einer Büste von Hugo Chavez ein Rahmen zusammengeschweißt aus Muttern und Schrauben mit einem Bild der Nachtwölfe darin.

Der Türsteher vom Winterfeldtplatz hat es weit gebracht. Vor ein paar Wochen, in den ersten Februartagen, hat der Präsident der Duma eine Statue enthüllt. Es war die Gedenkfeier zum 70. Jubiläum der Konferenz von Jalta. Alexander Saldostanow stand an der Seite des Präsidenten, dem Bürgermeister der Stadt und Anatoli Karpow, dem einstigen Schachgroßmeister, der heute ebenfalls für das Einige Russland in der Duma sitzt.

Hinterher wurde Saldostanow umringt wie ein Popstar: Alte Damen hielten seine Hand, gut frisierte Frauen schossen Selfies mit ihm, Eltern reichten ihm ihre Kinder und baten um ein Autogramm. Saldostanow drückte jedem eine DVD mit seiner Show in die Hand. Für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, bis er das Spektakel auch in Kiew aufführen wird. Das ist sein Ziel.