BERLIN. Der Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin hat erneut eine Debatte über wirkungsvolle Frühwarnsysteme gegen die Misshandlung und Verwahrlosung von Kindern ausgelöst. Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD) sprach sich für Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen aus. "Ich plädiere ganz massiv dafür, die Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen", sagte sie der Berliner Zeitung. Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung. Zwar sei dies keine Garantie dafür, dass künftig schreckliche Fälle wie der in Schwerin verhindert würden. "Aber es ist ein Baustein für den Schutz der Kinder."Lea-Sophie war in der Nacht zum Mittwoch kurz nach Einlieferung in ein Krankenhaus gestorben. Die Obduktion ergab, dass die Eltern ihr Kind verhungern und verdursten ließen. Das Mädchen hat laut Anklagebehörde kurz vor seinem Tod nur noch 7,4 Kilogramm gewogen. Normalerweise wiegen Fünfjährige 15 bis 20 Kilogramm. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags gegen den 26 Jahre alten Vater und die 23 Jahre alte Mutter. Wie im Fall des kleinen Kevin 2006 in Bremen, der trotz Warnungen in der Obhut seines drogenabhängigen Ziehvaters gelassen worden war, werden jetzt Vorwürfe gegen die Behörden laut. Das Schweriner Jugendamt soll durch einen anonymen Hinweis von einer Vernachlässigung gewusst haben. Andere Aussagen ließen Zweifel daran aufkommen, ob Behördenmitarbeiter Lea-Sophie je zu Gesicht bekamen. Marlis Herterich vom Kinderschutzbund erklärte: "Wir wissen aus der Praxis, dass Kinder häufiger als früher vernachlässigt werden."Die Union äußerte sich zu den Forderungen nach einem staatlichen Eingreifen zurückhaltender als die SPD. Vize-Fraktionschefin Ilse Falk sagte, es könne nicht darum gehen, einen riesigen Kontrollapparat zu installieren. Der Ball liege jetzt ohnehin bei der Gesundheitspolitik. So müsse gewährleistet werden, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht nur um den allgemeinen Entwicklungsstand der Kinder gehe. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden. Nötig seien neue Richtlinien.Falk plädierte dafür, die sogenannte aufsuchende Hilfe zu stärken: "Früher gab es die Gemeindeschwester, die sich regelmäßig um die Familien gekümmert hat." Dieses Prinzip müsse wieder forciert werden, auch wenn es zunächst für die Kommunen teurer erscheine. "Langfristig gesehen ist Prävention aber preiswerter", betonte die CDU-Politikerin. Die Oppositionsparteien beklagten vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen. "Wenn jahrelang bei Jugendämtern und der Jugendhilfe gespart wird, braucht man sich nicht zu wundern, dass so etwas passiert", sagt der Familienexperte der Linken, Jörn Wunderlich. Es fehlten die Mittel und qualifiziertes Personal."Die Jugendämter müssen personell und finanziell besser ausgestattet werden", forderte auch Miriam Gruß (FDP). Wunderlich und Gruß äußerten sich ebenso wie Ekin Deligöz (Grüne) skeptisch zu zwangsweisen Vorsorgeuntersuchungen. Deligöz begrüßte es aber, dass immer mehr Bundesländer Anstrengungen unternähmen, die Teilnahme an den Untersuchungen zu erhöhen. Sie sprach sich zudem für eine frühe und regelmäßige Betreuung von Familien aus. "Hebammen könnten Familien weit über die Geburt hinaus beraten", sagte sie.Seite 3------------------------------"Nach wie vor müssen in Jugendämtern Sachbearbeiter bis zu 150 Fälle und mehr betreuen." Deutsche Kinderhilfe