BERLIN, 30. August. Der Sturz von einem Baugerüst veränderte das Leben des Italieners Angelo Colombo dramatisch. Er brach sich einen Rückenwirbel und war von da an querschnittsgelähmt. Von der Brustregion abwärts konnte sich der Maurer nicht mehr bewegen. Jetzt kann er wieder laufen - nach einer Operation, bei der ihm die Nerven beider Arme in die Hüftmuskeln verpflanzt wurden. Der italienische Arzt Giorgio Brunelli, der den Eingriff vornahm, berichtete auf dem Welt-Wirbelsäulenkongress in Berlin über seinen Patienten und löste damit eine kleine Sensation aus. Denn Brunelli ist es offenbar als Erstem gelungen, einem Querschnittsgelähmten ohne technische Hilfsmittel das Laufen wieder zu ermöglichen.Bei dem Eingriff legte der Mikrochirurg die beiden gesunden Armnerven des Patienten frei und zog sie bis zu den drei wichtigsten Hüftmuskeln hinunter. Der "Ansatzpunkt" der Nerven am Rückenmark blieb dabei unverändert. Der Hintergrund dieser Methode: "Nerven im Rückenmark wachsen nach einer Verletzung nicht wieder nach. Periphere Nerven dagegen, wie zum Beispiel der Armnerv, können regenerieren", erläuterte Brunelli. Diese Nerven, so der Chirurg, ließen sich deshalb auch in andere Körperregionen verpflanzen. Die aus dem Arm entfernten Nerven lassen sich durch eine Nervenplastik ersetzen.Der Operierte muss den neuen "Befehlsweg" vom Gehirn zu den Beinmuskeln allerdings erst trainieren: "Angelo Colombo brauchte fast ein halbes Jahr, bis er seine Beine willentlich bewegen konnte", berichtete Brunelli. Zunächst hätten seine Beine immer dann reagiert, wenn er eigentlich seine Arme bewegen wollte. "Mittlerweile kann er mit einer Gehhilfe bis zu 60 Schritte am Stück laufen." Zudem könne er selbstständig Auto fahren.Der Chirurg hat mit ähnlichen Verfahren auch vier weitere Betroffene operiert. Die Patienten seien noch im Anfangsstadium des Bewegungstrainings, eine junge Frau erhole sich gerade von der Operation, sagte der Mediziner. Brunelli warnte vor übertriebenen Hoffnungen. Die Operation sei sehr aufwändig, das Verfahren eigne sich möglicherweise nur für Querschnittsgelähmte, deren Rückenmarksnerven vollständig durchtrennt sind. Weltweit arbeiten mehrere Teams an Therapien. Vor kurzem gelang es Forschern um den Neurologen Jefferey Kocsis von der Yale University, bei gelähmten Mäusen Nerven wieder wachsen zu lassen, indem sie den Nagern genetisch veränderte Schweinezellen einpflanzten. Ebenso konnte der Züricher Forscher Martin Schwab gelähmte Ratten mit Hilfe eines Antikörpers "heilen", der Nerven im Rückenmark zum Wachstum anregt.