MOSKAU, 21. August. Es werden unzählige Gratulanten anrufen. Nicht unbedingt, weil sie eine der Schweizer Uhren gewinnen wollen, die der Moskauer Radiosender Echo Moskwy an diesem Montag aus Anlass seines 15-jährigen Bestehens verlost, sondern aus Verehrung. Echo Moskwy ist Kult. 15 Jahren haben ausgereicht, um aus dem Sender eine der wichtigsten Stimmen des Landes zu machen. Das einzige wirklich unabhängige elektronische Medium Russlands, behaupten viele.Sergej Buntman, stellvertretender Chefredakteur von Echo Moskwy und einer der Gründer des Senders, hätte es gern ein wenig bescheidener. Eine allzu gloriose Selbsteinschätzung könne leicht zum eigenen Nachruf werden, fürchtet er. "Wir sehen uns als Dienstleister", sagt Buntman. Der Dienst an der russischen Öffentlichkeit bestehe darin, zu informieren und gegebenenfalls auch zu warnen. "Diesem Prinzip folgen wir, recht erfolgreich."150 000 Rubel StartkapitalVor fünfzehn Jahren war das ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie heute. "Wir wollten einen dynamischen Sender mit einer modernen Nachrichtenredaktion, unabhängigen Kommentatoren", sagt Buntman. "Es gab wohl russisches Kino, russische Literatur. Radio und Fernsehen aber waren zu sowjetischer Zeit entstanden und von Beginn an staatlicher Ideologie unterworfen."Wie die anderen Gründer von Echo war Buntman zuvor Angestellter beim sowjetischen Gostelradio, einem Medienkoloss, der sich als reformresistent erwies. "Wenn ihr alles neu machen wollt, dann gründet ein eigenes Radio", hieß es. Möglich wurde das erst durch ein neues Pressegesetz, das im Juni 1990 verabschiedet wurde. Das damalige Moskauer Stadtparlament, die Zeitschrift Ogonjok und die Journalistikfakultät der Moskauer Universität gaben den Anstoß für die Gründung von Echo Moskwy. 150 000 Rubel Startkapital wurden zusammengetragen. "Wir bekamen uralte Apparate und ein Büro in Nikolskaja-Straße unweit des Kreml", erzählt Buntman. Die Jungfernsendung wurde am 22. August 1990 ausgestrahlt. Den eigentlichen Start von Echo Moskwy aber datiert Buntman auf den 13. Januar 1991. Als sowjetische Truppen den Fernsehsender in der litauischen Hauptstadt Wilnius stürmten, war Echo Moskwy der einzige russische Sender, der über dieses Ereignis berichtete. "Seit dieser Zeit sind wir erkennbar geworden", sagt er.Redaktionsstatut als SicherheitHeute gilt Echo wieder als letzte Bastion der freien Meinungsäußerung. Dass der Sender seine Unabhängigkeit bewahrt und der Gleichschaltung der elektronischen Medien trotzen konnte, verdanke er der geschickten Politik seines Chefredakteurs Alexej Wenediktow, sagt Buntman. Und dem Redaktionsstatut. Es schreibt vor, dass der redaktionelle Kurs des Senders ausschließlich Sache des Chefredakteurs ist. Der Chefredakteur wiederum darf nur von der Redaktion bestimmt werden. Geändert werden kann das Statut nur mit einer Dreiviertelmehrheit der Aktionäre.Seit der staatliche Gasprom-Konzern 66 Prozent der Aktienanteile des Senders übernahm, hat das Statut eine besondere Bedeutung, denn der Rest der Anteile gehören Redaktionsmitgliedern. Doch auch wenn die redaktionelle Selbstbestimmung rechtlich kaum zu Fall zu bringen ist, eine Überlebensversicherung ist das Statut nicht. Der Anpassungsdruck wächst. Mit 650 000 regelmäßigen Hörern in Moskau und etwa eineinhalb Millionen in den Regionen ist Echo Moskwy eine wichtige Stimme. "Der Kreml ruft uns an", sagt Buntman. "Er ruft den Chefredakteur an und versucht, Druck auszuüben." Bislang gelingt es Alexej Wenediktow noch, zu verhandeln. Vielleicht deshalb, weil selbst die Mächtigen im Kreml auf authentische Berichterstattung nicht ganz verzichten können.