Man hört es immer wieder: Berlin ist einer der härtesten Radiomärkte der Welt. Die allermeisten Sender sind daher dazu übergegangen, vor und nach jedem Musiktitel ihren Jingle zu senden: Hallo, Sie hören Radio Gaga und gleich kommt Phil Collins!Radio Eins ist einer der ganz wenigen Sender, auf denen kein Phil Collins läuft. Und dort hat man mehr zu sagen als nur alle dreieinhalb Minuten seinen Namen. Die Moderatoren haben keine unnatürlich gute Laune, als hätten sie neben einem Clown zum Frühstück auch noch eine Ecstasy geschluckt. Die Musik folgt einer journalistischen Auswahl und keinem nach so genannten "Farben" sortierenden Rotationsalgorithmus. Radio Eins wirbt, anders als die private Konkurrenz, auch nicht auf Plakaten damit, dass seine Moderatoren einen an der Klatsche haben. Sondern damit, dass das Programm "nur für Erwachsene" sei. Heute feiert der Sender sein zehnjähriges Bestehen. Zu wünschen ist ihm anlässlich des Jubiläums alles Gute - und dass er selbst noch ein kleines Stück erwachsener wird. Gelegentlich wünscht man sich ein wenig mehr journalistische Sorgfalt.Radio Eins ist eine Welle vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, öffentlich-rechtlich also. In der Trennung von Redaktion und Reklame kann man daher eine gewisse Tugendhaftigkeit erwarten. Aber die begeistert klingende Frauenstimme im Radio spricht eine andere Sprache: die der Werbung. Angelegentlich der Popkomm berichtete Radio Eins täglich sechs Stunden aus einem Bus vor der Kulturbrauerei über die livemusikalischen Aktivitäten. Doch Mike Skinner, um den es diesmal gehen soll, spielt gar nicht auf der Popkomm, was im Gespräch im mobilen Studio auch deutlich wird: Der Gig findet lediglich zeitgleich statt. Der Radio-Eins-Berichterstatter hat O-Töne von Konzertgästen mitgebracht, so genannte vox pops (für vox populi, die Stimme des Volkes). Ein solcher vox pop ist jene begeisterte Frau. Von dem Konzert erfahren hat sie, wie sie aufgeregt berichtet, exklusiv als Kundin eines Mobilfunkunternehmens per SMS. Das kaum beworbenen Event gibt sich auf diese Weise die Aura des Geheimnisvollen. Über dieses Testimonial, wie Werbetreibende den medial ausgewerteten Verbraucherkommentar nennen, wird sich die zuständige PR-Agentur sicher gefreut haben. Im Folgenden ging es auf Radio Eins um die "Rebellious Girls Tour", die ein Jeanshersteller veranstaltet.An der Berichterstattung über diese beiden Events kam Radio Eins freilich nicht vorbei: Das dort gebotene Programm ist nämlich hip. Erwachsenenprogramm hin, Erwachsenenprogramm her: Dem Zeitgeist fühlt sich Radio Eins nicht schlecht verpflichtet. Auch in der Tagesschiene spielt man das, was die Musikpresse von Rolling Stone bis Spex auch aus den Randbereichen der Veröffentlichungskataloge der Plattenfirmen als relevant herausgefiltert hat: Mumm-ra, Chikinki, The Ghosts. Und wenn etwa Siouxie Sioux ein Soloalbum veröffentlicht hat, vertieft man das Thema in einer Abendsendung und spielt Titel aus dem Backkatalog - etwa vom vorangegangenen Projekt The Creatures. So in etwa stellt man sich eine gelungene, journalistisch unterfütterte Musiksendung vor: als kenntnisreiches Ausleuchten einer Nische.Anlass zur Berichterstattung ist allerdings zumeist die eigene Begeisterung. Eine kritische Auseinandersetzung gibt es nicht. Die Perspektive der Moderatoren ist immer auch die Perspektive des Fans. Dabei zeigen Christoph Grissemann und Dirk Stermann in ihrer herrlich verspulten "Show Royale", dass man im Radio eigentlich alles machen kann - sogar schlechte Laune verbreiten.Trotz dieses zum Teil hervorragenden Programms: Radio Eins verliert Hörer. Laut der aktuellen Media-Analyse schalteten im Erhebungszeitraum 10 000 Hörer weniger ein. Gegensteuern will man senderseitig kaum. Ein intelligenter Sender, so war auf der Pressekonferenz zum zehnjährigen Jubiläum zu erfahren, müsse sich von innen heraus erneuern. Radio sei kein Status, sondern ein Prozess. Und den stellt man sich wie folgt vor: Fortan wird man auf die schrullige Call-in-Sequenz mit dem Namensforscher Jürgen Udolph verzichten. Verpflichtet hat man dagegen MTV-Moderator Markus Kavka, der eine Pop-Kolumne sprechen soll. Auch für die von Viva geschasste Sarah Kuttner hat man etwas gefunden: Gemeinsam mit ihrem ebenso gesprächigen, aber ungleich eloquenteren Vater Jürgen soll sie sonntags die Talk-Sendung "Kuttner & Kuttner" bestreiten.Außerdem wird natürlich das Angebot im Internet ausgebaut: Podcasts sowie Inhalte, auf die man per Mobiltelefon zugreift, sollen es neumodischerweise richten. Dabei würde es reichen, einfach Radio zu machen. Altmodisch und gut. Und mit Mut zur Meinung.------------------------------Anlass zur Berichterstattung ist zumeist die eigene Begeisterung ... Die Perspektive der Moderatoren ist immer auch die Perspektive des Fans------------------------------Foto : Wink mit dem Zaunpfahl: Radio-Eins-Party mit dem RBB-Kinoexperten Knut Elstermann.