Seit ein paar Tagen macht Cornelia Fleck morgens einen kleinen Umweg auf ihrem Weg zur Arbeit. Mit einem Kaffee und einem Croissant geht die 33-jährige Theaterpädagogin und Schauspielerin erst mal in die Neuköllner Pflügerstraße, setzt sich auf einen der sechs Stühle vor Hausnummer 5, stülpt sich die dort hängenden Kopfhörer über und hört für eine halbe Stunde in das Morgenprogramm von Radio Sofafunk "Frühstück für zwei" rein. Nirgendwo anders würde das funktionieren, denn Radio Sofafunk hat keine Frequenz. Wer es hören will, muss schon selbst vorbeikommen.Es ist ein Experiment: Für eine Woche haben fünf Radiofreaks ihr kleines Parterrebüro in ein Rundfunkstudio verwandelt. Von dort aus senden sie noch bis Sonntag insgesamt 168 Stunden lang rund um die Uhr: Musiksendungen, Interviews, Radiokonzerte mit Bands, Kochshows, Hörspiele. Musiker werden eingeladen, Schauspieler und Schriftsteller. Sie bringen ihre Musik von zu Hause mit, sitzen in der Sendung "Das rote Popsofa" auf dem roten Popsofa und reden über ihre Lieblingsplatten, ihre Lieblingsband und sonstwas. Alles wird live produziert, selbst nachts wechselt der Spätdienst eigenhändig die CDs - egal, ob überhaupt ein Zuhörer auf dem Gehweg oder vor dem Lautsprecher auf dem Hof sitzt. Denn Sofafunk will ein Vollprogramm sein. Zur Not hören sich die Radiomacher eben nur selbst zu. "Wir sind da ganz konsequent und prinzipienfest", sagt Dennis Lakomczyk. Der 23-jährige, der mal Betriebswirtschaft studierte und Konzerte in Clubs organisierte, macht jetzt lieber Radio und kümmert sich vor allem um Auftritte der Bands.An diesem Morgen moderiert Lakomczyk von sechs bis neun die Morgensendung. Er liest Horoskope vor und gibt den Zuhörern ein "Wer singt dieses Lied?"-Ratespiel auf. Der Preis ist ein Traubenzuckerbonbon. Aber niemand ruft an beim "Frühstück zu zweit", denn kein Zuhörer ist da. Also mimt ein Kollege aus dem Nebenraum den Anruf eines Zuhörers. Überraschenderweise rät er richtig und gewinnt den Traubenzuckerbonbon. Radio kann auch Spaß machen.Doch das ist nur die eine Seite, und so leer wie am Morgen ist es tagsüber und abends nicht. Und es steckt sehr wohl ein ernsthafter Anspruch hinter dem Projekt. Denn die Sofafunk-Initiatoren sind keine Laien wie etwa beim Offenen Kanal, sondern Profis mit echter Rundfunk-Erfahrung. Sie haben vor kurzem ihre eigene Hörfunkproduktionsfirma gegründet, tüfteln an neuen Rundfunkformaten, bieten Sendern ihre Produktionen an. Neben Lakomczyk gehören die frühere Radio-Eins-Moderatorin Stephanie Lehmann dazu, ein Sounddesigner, ein DJ, ein Produktions- und Aufnahmeleiter. Sofafunk will weg vom "Hintergrundgeplänkel", wie Stephanie Lehmann, die die Idee zu Sofafunk hatte, sagt. Es müsse mehr Bewegung in den Radiomarkt kommen. Ihr Idealformat: "Deutschlandfunk mit Popmusik". Vielleicht ist Sofafunk der Anfang.Aber wäre so ein Projekt auf einer temporären Veranstaltungsfrequenz im Radio nicht besser? Dennis Lakomczyk schüttelt den Kopf. "Viel zu teuer." Und: "Wir wollten nicht zwischen all den Dudelsendern zu finden sein." Wie die etablierte Konkurrenz hat auch Sofafunk seine Musikvorgaben. Gespielt wird alles: Rock, Pop, Grunge, Elektro, Alben mit Musikgeschichte. Nur keine Schlager. Alphabetisch geordnet stehen hunderte CDs im Regal, daneben Mischpult, CD-Spieler, Plattenspieler und Mikrofone.Ein weiteres Merkmal ist die Ehrlichkeit: Die Produzenten wissen immer, wie viele Zuhörer sie genau haben. Beim Senden über eine Frequenz wäre die Zahl immer nur eine geschätzte und erhoffte. Die Sofafunker sagen, längst habe sich eine kleine Fangemeinde gebildet. Morgens kommt zwar kaum jemand, doch ab 11 sitzen die Ersten auf dem Gehweg, ab mittags im Hof. Abends zu den Live-Konzerten hören bis zu 30 Leute zu. "Es ist wie ein kleiner Radioclub", sagt Dennis Lakomczyk.Seine Zuhörerin vom Morgen muss jetzt zur Arbeit. "Das ist doch echt exklusiv", sagt Cornelia Fleck. "Die machen Radio nur für mich!"------------------------------Ein ExperimentRadio Sofafunk sendet noch bis Sonntag ein 24-Stunden-Radioprogramm aus den Räumen der Pflügerstraße 5 in Neukölln. Besucher können über Kopfhörer auf der Straße und am Hof-Lautsprecher zuhören.Das Programm umfasst Live-Konzerte, Musiksendungen, Kochshows, Interviews auf dem roten Popsofa, Lesungen und Hörspiele. Alles wird live produziert. Gesendet wird auch, wenn kein Zuhörer vor Ort ist.Höhepunkte bis Sonntag sind Live-Radiokonzerte der Bands Paula (heute 20 Uhr), Elke (Fr, 21 Uhr) und Ron Spielmann (Sa, 17 Uhr).Im Internet: www.sofafunk.de------------------------------Foto: Sofafunk-Erfinderin Stephanie Lehmann (im Studio bei der Arbeit) moderierte früher bei Radio Eins. Kollegen und Besucher hören ihr über Kopfhörer zu.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.