BERLIN, 22. August. Ob Karrieren wie die des Eduard Rhein heute noch möglich wären? Seine Mutter war stets der Ansicht, er hätte sich unnötig verzettelt. "Was hätte nur aus dir werden können!" soll sie mahnend zu ihm gesagt haben. Tatsächlich war der als Sohn einer Hoteliersfamilie in Königswinter geborene Diplom-Physiker ein Multitalent: Innovativer Journalist, Schriftsteller mit Millionenauflagen und kreativer Erfinder. In den 20er-Jahren arbeitet Rhein zunächst als Ingenieur bei der AEG in Berlin, später als Referent beim Zentralverband der Deutschen Elektroindustrie. Doch schon damals kann er sich nicht auf eine Sache allein konzentrieren. Er schreibt auch Romane, wie etwa den Krimi "Das mechanische Gehirn", und tritt nebenbei als Salon-Musiker im Eden-Hotel auf. 1929 stellt ihn der Ullstein Verlag als Redakteur für die Radio-Illustrierte "Sieben Tage" ein. Mit populärwissenschaftlichen Büchern wie "Du und die Elektrizität" und "Wunder der Wellen" produziert Rhein seine ersten Bestseller. Parallel widmet sich der unermüdliche, gerade mal 1,65 Meter große Mann jedoch weiteren technischen und wissenschaftlichen Forschungen. Er erfindet etwa einen Schnell-Einschalter für Radios (1942), der später auch bei Fernsehgeräten verwendet wird, baut während des Zweiten Weltkrieges ein Flak-Radargerät (1944) - und schreibt zwischendurch das Libretto und die Liedtexte für Eduard Künnekes Operette "Traumland".Original und FälschungAls die Alliierten 1946 die ersten Lizenzen für neue Presseorgane vergeben, sucht Axel Springer in Hamburg einen Chefredakteur für eine Rundfunkzeitschrift. Peter von Zahn und Axel Eggebrecht machen ihn auf Rhein aufmerksam. Der bekommt den Job und beweist von Anfang an seinen Eigensinn. "Radio-Post" hätte das neue Blatt heißen sollen, wäre es nach den britischen Besatzern gegangen. Rhein aber wollte den Imperativ: "Hör zu"! Nicht nur der Titel ist Rheins Schöpfung, auch das Konzept. Legendäre, noch heute existente Rubriken wie "Original und Fälschung" gehen auf ihn zurück. Zudem erinnert sich Rhein an einen Igel aus einem Schulfilm - und macht ihn zum Redaktionsmaskottchen "Mecki". Vierzehn "Mecki"-Bücher schreibt er gleich dazu. Auch einen Großteil der Fortsetzungsromane in der "Hör zu" liefert Rhein persönlich. Unter Pseudonymen wie Hans-Ulrich Horster, Klaus Hellmer und Adrian Hülsen schreibt er Titel wie "Suchkind 312", "Ein Student ging vorbei" und "Ehe-Institut Aurora", die zum Teil verfilmt werden. 1965 ist die "Hör zu" auf dem Zenit des Erfolges angelangt: mit 4,5 Millionen verkauften Exemplaren die erfolgreichste Zeitschrift dieser Art in ganz Europa.Eduard Rhein weiß die Lesermacht einzusetzen. Er streitet für den Ausbau der UKW-Programme ("Wellen der Freude") und den Stereoempfang; er warnt vor den Gefahren der "Schleichwerbung" (sogar das Wort ist seine Erfindung). Und er setzt von der ersten Ausgabe an auf das noch junge Medium Fernsehen, den "Zauberspiegel".Fürs schwule Herz1965 verlässt Eduard Rhein den Verlag. Axel Springer habe ihn "zwangspensioniert", weil seine Macht innerhalb des Verlagshauses zu groß und dem Verleger unheimlich geworden sei, schreibt Rhein in seinen Memoiren "Der Mann des Jahrhunderts". Ob dies der Wahrheit entspricht oder der Selbstüberschätzung Rheins geschuldet ist, bleibt bis heute offen. Dass seine Lebenserinnerungen an einigen Stellen recht geglättet erscheinen, ist jedoch offensichtlich. Mit Bedacht nicht erwähnt hat Rhein beispielsweise Romane, die er unter dem Pseudonym Claude Borell veröffentlichte: seine "Novellen aus der Welt der anderen" wie "Romeo und Julius" oder "Verdammt noch mal, ich liebe dich" waren Kitschromanzen fürs schwule Herz - und nicht weniger erfolgreich.Wirklich vermögend wurde Eduard Rhein allerdings mit einer einzigen Erfindung. "Es ist das Beste, was ich je gemacht habe", urteilte er selbst. "Ich habe über 40 Patente, aber keines ist auch nur ein Tausendstel so viel wert." Vier Jahre, von 1944 bis 1948, hatte er experimentiert - dann konnte er sein "Füllschriftverfahren" zum Patent anmelden. Es brachte die Langspielplatten von 46 Minuten auf 80 Minuten Spieldauer und machte Rhein zum Multimillionär.Dank der weltweiten Tantiemen konnte der Erfinder 1976 die mit zehn Millionen Mark Grundkapital ausgestattete Eduard-Rhein-Stiftung ins Leben rufen. Die fördert seitdem alljährlich mit hoch dotierten Stipendien den wissenschaftlichen Nachwuchs und würdigt Verdienste um den Aufbau von Rundfunk, Fernsehen und Informationstechnik. Eduard Rhein, der im Alter an die Côte d Azur zog, wurde zu Lebzeiten mit einem halben Dutzend Auszeichnungen für sein Werk geehrt. Viel wichtiger war dem 1993 nach einem Schlaganfall in Cannes verstorbenen Radio- und TV-Pionier aber wahrscheinlich eine ganz andere Ehre: 1953 hatte er - ganz offiziell - die erste "Fernsehteilnehmerlizenz" Deutschlands erhalten.Mehr Informationen über die Eduard-Rhein-Stiftung unter:www.eduard-rhein-stiftung.deMulti-Talent // Eduard Rhein studierte Physik, Medizin und Biologie. Er war Erfinder, Journalist und Schriftsteller.Er arbeitete ab 1929 als Redakteur beim Ullstein-Verlag und dessen neuer Funkzeitschrift. Nebenbei schrieb Rhein seinen ersten Roman und populärwissenschaftliche Bestseller wie "Du und die Elektrizität". Er erfand einen "Schnell-Einschalter" für Radios und ein Flak-Radargerät. Zudem verfasste er das Libretto zu der Operette "Traumland" von Eduard Künneke.Als seine größte Leistung gilt die Erfindung der Zeitschrift "Hör zu". Rhein dachte sich den Namen des Blattes aus und machte die Trickfigur "Mecki" zu seinem Maskottchen.Rhein wird neben Rudolf Augstein, Axel Springer und Henri Nannen zu den großen "Blattmachern" unter den Nachkriegsjournalisten gezählt.Für die "Hör zu" schrieb Rhein auch viele Serienromane wie "Suchkind 312". Nebenher entwickelte der Ingenieur ein Patent, das Langspielplatten von 46 Minuten auf 80 Minuten Spieldauer brachte und ihn zum Multimillionär machte. Nach zwanzig Jahren bei der "Hör zu" schied er im Unfrieden mit Axel Springer aus.