Manchmal klingelt bei Rüdiger Kreklau, Programmchef des Berliner Rundfunks, mitten in der Nacht das Telefon. Verschlafen nimmt er ab, doch wenn er die Stimme hört, dann ist er plötzlich hellwach. Am anderen Ende der Leitung ist sein Berater. Ob r.s.2 oder Spreeradio, ob Energy oder 104.6 RTL, kaum ein Sender kommt mehr ohne professionelle Consulter aus. Ob erfolgreich oder auf dem absteigenden Ast, für jeden Fall hat die Heerschar der Berater Rezepte parat.Berlins hochbezahlte Radiomanager und Programmchefs scheinen unfähig, ihren Sender allein durch den wogenden Markt zu steuern. "Wir haben mit dem tagtäglichen Kleinkram zu tun", erläutert Kreklau, "der Berater hingegen kommt viel herum, reist zu jeder Radiomesse, liest ausgiebig die Fachliteratur, weiß über die neuesten Trends Bescheid." Gerade im Berliner Markt, auf dem sich die Programme immer mehr angleichen, werden neue Ideen begierig aufgesaugt. Wer nicht mitzieht, der bekommt die Rechnung serviert. Schicke Visitenkarten "Hätte sich Georg Gafron frühzeitig einen guten Berater genommen, wäre Hundert,6 nicht so abgestürzt", meint Mario Colantonio, dessen Visitenkarte die Bezeichnung Managing Director der Radiotainment schmückt. Colantonio ist Musikberater bei "Antenne, das Radio" und baut gerade einen neuen Privatsender in Ungarn mit auf. Auch 104.6-RTL-Programmchef Arno Müller überläßt nichts dem Zufall. Seit Jahren zahlt der Sender Millionensummen an die Research Group aus Seattle. Mit Dennis Clarke, dem Produzenten der Morningshow von Kiss FM in Los Angeles, bespricht er ausführlich Moderation und Präsentation. Die meisten Sender lassen den Markt kontinuierlich erforschen. r.s.2 hat die Alan Burnes Ass. aus Amerika engagiert, der Berliner Rundfunk stützt sich auf die Coleman Research, Energy partizipiert am Beratungsangebot von Seniorpartner NRJ aus Paris und Spreeradio hat Peter Bartsch eingekauft.Das Research- und Beratungsangebot umfaßt drei Bereiche: Projektmanagement, Programmplanung und Marketing. Das reicht von der Markt-, Konkurrenz- und Musikanalyse über die Unternehmensbewertung bis zur Steuerung des Musikcomputers (Selektor) und Planung von Gewinnspielen. Das Verhältnis zwischen Berater auf der einen und Geschäftsführer und Programmchef auf der anderen Seite ist nicht immer spannungsfrei. In 70 Prozent der Fälle kommen die Aufträge von den Gesellschaftern. Da ist zum Beispiel der Geschäftsplan aus dem Ruder gelaufen und das Vertrauen der Gesellschafter in die Geschäftsführung gestört. Ein Berater muß her. Der schnüffelt rum, zeigt Lücken auf, weist auf Fehler und personelle Fehlbesetzungen. Während die Betroffenen fürchten, daß ihnen die Felle davon schwimmen, blüht der Berater erst so richtig auf. Er gibt Tips und macht Vorschläge, doch macht er sich die Finger nicht schmutzig. Die Entscheidungen müssen die Auftraggeber selbst treffen. "Viele Chefs haben Angst vor einem Berater", räumt Arno Müller ein, "doch das ist Quatsch." Ein cleverer Manager kaufe sich jede Hilfe, die er bekommen kann.Im Berliner Radiomarkt haben die Amerikaner die Nase vorn. In Deutschland gibt es auch zehn Jahre nach der Einführung des Privatfunks nur wenige Berater, die in der Oberliga spielen. Einer davon ist Peter Bartsch, Berater von Spreeradio, Bayern 1, Antenne Steiermark und sechs sächsischen Lokalradios.Was zeichnet einen guten Berater aus? "Er muß Erfahrungen vorweisen können und sich durch Mißerfolg nicht entmutigen lassen", so Bartsch. Das wichtigste aber ist: Vitamin B, "die Leute müssen einen kennen". Sein Programmberatungsangebot geht bis zur kompletten Musikzulieferung. Per Modem klinkt er sich von jedem Ort der Welt, vorzugsweise aus seiner bayrischen Heimat, in den Computer ein und aktualisiert die Musikrotation. Viele seiner Ideen kommen aus Amerika. Doch "die Deutschen haben aufgeholt", glaubt er, das "große Aha-Erlebnis" hat er nicht mehr, wenn er in die USA reist. Lukrativer Job Bartsch warnt davor, amerikanische Formate eins zu eins zu übertragen. Man müsse sie der "jeweiligen Landesseele anpassen". Die Berliner Seele, so Bartsch, entspreche "tatsächlich ihrem Klischee". Der Berliner Radiohörer könne "stärker gefordert werden", er mache mehr mit, "verträgt mehr Quatsch" als anderswo. Kurz: "Der Berliner ist ein Unterhaltungsmensch." Deshalb überschlagen sich gerade in Berlin die Sender mit witzig-spritzigen Aktionen. Guter Rat ist teuer: "Unter 100 000 Mark pro Jahr läuft nichts", so Mario Colantonio. Ein üppiger Tagessatz plus Erfolgszulage steht in Aussicht.Kein Wunder, daß viele Nachwuchsberater ins Geschäft drängen. "Da fliegen Leute aus ihrem Job raus und nennen sich Radio-Berater", schimpft Thomas Thimme, dessen Abgang als Geschäftsführer bei IA-Fernsehen auch nicht ganz freiwillig war. "Es gibt viele Scharlatane", bestätigt Arno Müller, ein Manager müsse die Stärken und Schwächen eines Beraters kennen. Auch dafür gibt es Beratung: "How to handle your consultant", Managerseminare und Bücher zum richtigen Einsatz von Beratern. Die Qualität der Beratung läßt sich vor allem im Programmbereich kaum messen. Wer kontrolliert also die Kontrolleure? "Letztendlich entscheidet die jährliche Reichweitenerhebung Media-Analyse" (Bartsch), ob der teure Rat auch wirklich gut war. +++