Eine Sensation" kündigt der Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch an: In seinem heute erscheinenden Buch "Hitlers Bombe" behauptet er nachweisen zu können, dass deutsche Wissenschaftler gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nukleare Bomben getestet haben.Bisher ging man davon aus, dass es den Deutschen bis Kriegsende weder gelungen war, einen funktionierenden Kernreaktor zu bauen, noch eine Atombombe. In den USA dagegen funktionierte schon im Dezember 1942 der erste Reaktor. Im Juli 1945 zündeten die Amerikaner bei Alamogordo in der Wüste von New Mexico die erste nukleare Testexplosion der Geschichte. Ein gigantisches Entwicklungsprogramm, das zwei Milliarden Dollar verschlang, hatte den Amerikanern den Vorsprung gesichert. War der Rückstand der Deutschen, wie Karlsch behauptet, weit geringer als bisher gedacht?Die Erforschung des deutschen Atomprojekts konzentrierte sich bisher auf den so genannten "Uranverein" und hier vor allem auf den Nobelpreisträger Werner Heisenberg. Es ist Karlschs Verdienst, den Fokus auf zwei Wissenschaftler gerichtet zu haben, deren Bedeutung bisher unterschätzt wurde: den Physikochemiker Paul Harteck und den Kernphysiker Kurt Diebner. Harteck war 1934 mit dem Briten Ernest Rutherford die erste nukleare Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium gelungen. Im April 1939 machte er das deutsche Kriegsministerium auf die militärischen Möglichkeiten der Kernspaltung aufmerksam. Diebner leitete im Heereswaffenamt (HWA) ab Sommer 1939 das Referat für Atomphysik. Schon bald nach Kriegsbeginn versammelte er alle bedeutenden deutschen Atomforscher - neben Heisenberg und Harteck auch Walther Gerlach, Carl Friedrich von Weizsäcker und die späteren Nobelpreisträger Walther Bothe und Otto Hahn - in einer "Arbeitsgemeinschaft für Kernphysik". Aufgabe dieses "Uranvereins" war die Nutzbarmachung der Uranspaltung für technische und militärische Anwendungen. Kenntnisreich und bis auf kleine Ungenauigkeiten richtig (so entdeckte etwa Weizsäcker die Eignung von Plutonium als Bombenspaltstoff unabhängig von amerikanischen Veröffentlichungen) beschreibt Karlsch die wichtigsten Arbeiten der Forscher.Nach seinen Recherchen soll es im Oktober 1944 auf der Halbinsel Bug auf Rügen zur Zündung einer "kleinen Kernwaffe" gekommen sein. Ein zweiter Test soll im März 1945 bei Arnstadt in Thüringen stattgefunden haben. Seine These, dass dabei auch mehrere hundert KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene ums Leben gekommen seien, stützt Karlsch nur auf eine "Augenzeugenaussage" aus den Sechzigern. Die Bomben hätten auf dem Implosionsverfahren beruht. Dabei wird eine unterkritische Masse an spaltbarem Material - die nötige kritische Masse besaßen die Deutschen bei weitem nicht - durch das Zünden von "Sprenglinsen" aus konventionellem Sprengstoff so konzentrisch verdichtet, dass eine überkritische Masse entsteht und eine nukleare Kettenreaktion beginnt. Als Beleg führt Karlsch unter anderem das Tagebuch des Forschers Walther Gerlach an, in dem dieser Sprenglinsen skizziert hat.Nun lässt sich aber das Atombomben-Know-how eben nicht auf eine Zeichnung oder Formel reduzieren, es besteht aus tausenden theoretischen Einsichten und praktischen Erfahrungen. Wie kompliziert das von Karlsch unterstellte Implosionsverfahren ist, mussten die Amerikaner in Los Alamos feststellen: Die Zündkapseln auf der Außenhaut der Bombe mussten mit einer Genauigkeit von Mikrosekunden gleichzeitig gezündet werden, um einen exakt konzentrischen Druck auf das Spaltmaterial im Kern zu erzeugen. Wegen solcher Anforderungen musste die amerikanische Implosionsbombe auch vor ihrem Einsatz in Nagasaki erst getestet werden; dagegen war man sich bei der Bombe nach der einfacheren Geschützmethode so sicher, dass man sie ungetestet auf Hiroshima warf. Die Gesprächsprotokolle der nach dem Krieg im englischen Farm Hall internierten deutschen Atomforscher zeigen, dass diese (Heisenberg, Diebner und Harteck eingeschlossen) entscheidende Grundlagen der Funktionsweise von Atombomben nicht verstanden hatten oder nicht kannten.Zudem weicht Karlsch die Begriffe auf gefährliche Weise auf, wenn er von "nuklearen Bomben" spricht, es aber in Deutschland gar kein Plutonium oder hochangereichertes Uran gab. Kernreaktionen gibt es überall, wo sich radioaktives Material befindet. Es ist aber ein großer Unterschied zwischen einer Bombe, in der sich lediglich etwas - schwach angereichertes - Uran befindet, und einer funktionierenden Atombombe. Ganz zu schweigen von einer Wasserstoffbombe - auch ihr sollen die Deutschen schon näher gewesen sein als gedacht, behauptet Karlsch. Im lange verschollen geglaubten Nachlass des Physikers Erich Schumann, der die Forschungsabteilung des HWA leitete, meint er Belege dafür gefunden zu haben. Sollten deutsche Wissenschaftler schon in den 40er-Jahren gewusst haben, was Edward Teller und Andrej Sacharow erst in den 50ern gelang?Karlsch offenbart einen eklatanten Mangel an physikalischem Verständnis, wenn er schreibt, die deutschen Wissenschaftler wussten "in allgemeinen Zügen, wie eine solche Wasserstoffbombe funktioniert, und waren in der Lage, mit der von ihnen perfektionierten Hohlladungstechnik nukleare Anfangsreaktionen auszulösen." Zur Zündung von thermonuklearen Kettenreaktionen bedarf es Temperaturen von rund 100 Millionen Grad Celsius, die sich mit konventionellen Hohlladungsgeschossen bei weitem nicht erreichen lassen.Ein unerforschtes Thema, auf das Karlsch leider nicht eingeht sind "radiologische Bomben". So gab es Überlegungen deutscher Wissenschaftler, radioaktives Material mit Hilfe konventioneller Bomben zu verteilen und so ganze Landstriche radioaktiv zu verseuchen.Brisant ist Karlschs These, es habe in Deutschland schon vor dem Krieg einen funktionierenden Reaktor gegeben. In Moskau konnte er erstmals die von der Sowjetarmee erbeuteten Akten des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik auswerten. Dabei fand er Hinweise auf einen bisher unbekannten Reaktorversuch der Gruppe um Diebner in Gottow bei Berlin, von der bisher nur drei Versuche bekannt waren. In einem Brief an Heisenberg vom 10. November 1944 schreibt Diebner: "Wir haben eine Anordnung mit 520 Uran-Würfeln ausgeführt, die kugelsymmetrisch angebracht wurden." Hierfür sollen Diebner erstmals mehrere hundert Gramm angereichertes Uran zur Verfügung gestanden haben. Karlsch meint, an Hand von Bodenproben nachweisen zu können, dass der Reaktor kritisch geworden sei. Eine überzeugende abschließende Untersuchung durch unabhängige Stellen steht aus. Fest steht, dass Diebner mit seinen Versuchen erfolgreicher war als Heisenberg, der das Reaktordesign mit der Würfelanordnung von Diebner übernahm.Ebenfalls in Moskau fand Karlsch einen Bericht mit Patentansprüchen Carl Friedrich von Weizsäckers über Herstellung und Verwendung des "Elementes 94" (Plutonium). Dieser Fund widerlegt einmal mehr die selbstgestrickte Legende der deutschen Atomforscher, sich während des Krieges nur um die Entwicklung einer Uranmaschine gekümmert zu haben, nicht aber um Atombomben.Karlschs Versuch, zu beweisen, dass gegen Ende des Krieges in Deutschland taktische Atomwaffen getestet worden seien, ist ein Indizienbeweis, der sich nur zu oft auf spätere Zeugenaussagen oder Geheimdienstquellen stützt. Dass letztere auch interessengeleitet sein können, blendet der Autor aus.Hinter dem amerikanischen Manhattan-Projekt stand ein historisch beispielloses Industrieprogramm, das Tausende von Wissenschaftlern und Ingenieuren beschäftigte. Die Aufwendungen für das deutsche Uranprojekt machten personell wie finanziell ein Promille der amerikanischen aus. Es gab kein deutsches Los Alamos, und Arnstadt war nicht Alamogordo. Es ist Karlschs Verdienst, gezeigt zu haben, dass die deutsche Uranforschung weiter war als bisher gedacht. Eine deutsche Atombombe aber gab es nicht.Michael Schaaf ist Physiker und Wissenschaftshistoriker. Er ist Autor einer Biografie Paul Hartecks und von "Heisenberg, Hitler und die Bombe" (GNT Verlag, Berlin 2001).------------------------------Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. DVA, München 2005. 416 S., 24 Euro.------------------------------Foto: In Gottow brachten laut Karlsch deutsche Forscher schon 1944/1945 der ersten Reaktor zum Laufen - den Nachfolger des abgebildeten "G III".