Rainer Kluge ist einer von vier behinderten Kandidaten: Mit dem Rollstuhl in den Landtag

Der Kandidat am Wahlkampfstand in der Potsdamer Fußgängerzone stützt das Kinn mit dem schütteren Bart in die Hand und hört zu. "Das Kind meiner Schwägerin ist behindert", sagt ein Passant. "In all den Jahren konnte sie nie in den Urlaub fahren, denn wer bezahlt dann die Pflege." Der Kandidat nickt. "Ich schreibe mir das auf", sagt er. "Und nehmen Sie doch eine Wahlkampfzeitung mit." Die Zeitungen hat er unter einen Gurt seines elektrischen Rollstuhls.Rainer Kluge, 33, mit Muskelschwund, ist einer von vier behinderten Landtagskandidaten. Der parteilose Behindertenbeauftragte des brandenburgischen Sozialministeriums steht auf Platz 6 der Liste von Bündnis 90/Die Grünen, sein Wahlkreis ist in Potsdam. Wenn die Partei über die Fünf-Prozent-Hürde kommt, kommt Kluge ins Parlament. Eine ungewisse Aussicht. Außer ihm hat höchstens noch ein FDP-Kandidat eine Chance, sollte der Partei der Einzug in den Landtag gelingen. Bei CDU und SPD steht je ein behinderter Kandidat auf hinteren Listenplätzen. Zuerst hatte Kluge bei der SPD angefragt. "Aber die wollten mich auf der Liste ganz nach hinten schieben", sagt er. "Bei den Grünen dagegen darf jeder auf die Versammlung stürmen und sagen: Ich will." Das hat Kluge im April getan.Der Kandidat beschreibt sich als "streitbar". Am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone steht er jedoch meist abwartend in seinem Rollstuhl. Oft kommen die "etwas Verbitterten" auf ihn zu, sagt er. Ein Rollstuhlfahrer fordert eine Türöffner-Automatik an seinem Haus, ein ehemaliges SED-Mitglied mehr grünen Antikapitalismus. Allen hört Kluge geduldig zu. "Experte in eigener Sache" will Kluge im Landtag sein. Ein "Gesetz zur Durchsetzung von Chancengleichheit" ist ihm besonders wichtig. Die brandenburgische Bauordnung schreibe vor, dass öffentliche Neubauten für alle Bürger nutzbar sein müssen, sagt Kluge. Und Behinderte seien eben auch Bürger. "Die Vorschrift gibt es also schon. Ein Gesetz für Chancengleichheit würde dafür sorgen, dass es endlich auch bestraft wird, wenn doch wieder kein Rollstuhl-Eingang eingebaut wird." Er sei nicht nur Behindertenpolitiker, betont der Kandidat. Er ist auch gegen den Transrapid, weil der zu teuer sei. Aber als Erstes fällt ihm dazu ein: "Die Firmen könnten stattdessen Sozialsponsoring machen und Ferienaufenthalte bezahlen, zum Beispiel für Behinderte." Interessenpolitik im Landtag findet Kluge schlecht. "Da sitzen fast nur Lehrer und Ärzte, die repräsentieren nicht das ganze Volk." Kluge will die Behinderten vertreten, die bisher im Parlament keine Stimme hatten und macht damit selbst Interessenpolitik. "Ja, ich vertrete Minderheitenrechte", sagt Kluge sanft zu einem jungen Mann am Wahlkampfstand. "Aber behindert kann nach einem Autounfall schon morgen schließlich jeder sein".