Der Berliner Journalist und Historiker Rainer Zitelmann beklagt in seinem neuen Buch "Wohin treibt unsere Republik?" eine angebliche Vorherrschaft der "vereinigten Linken" in Deutschland.Wenn Rainer Zitelmann, einer der Wortführer der Neuen Rechten, auf seine politischen Gegner eindrischt, ist meistens auch ein bißchen Bewunderung dabei. Tolle Kerle, diese linken 68er. Da haben sie mit der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Kommunismus eine historische Niederlage erlitten. Aber statt ihre Wunden zu lecken oder selbstkritisch in sich zu gehen, inszenieren sie ein politisches "Rollback" und erobern "die schon verloren geglaubte geistig-politische Hegemonie zurück." Alles unterwandert In seinem neuen Buch "Wohin treibt unsere Republik?" sieht Zitelmann die vereinigte Linken in Deutschland auf dem Vormarsch. Mehr noch: "auf dem Höhepunkt ihrer Macht." Alles haben sie angeblich unterwandert oder erobert: Kirchen, Gewerkschaften, Kultureinrichtungen und die Medien. Die besonders. Hat doch das linksliberale Establishment in den westdeutschen Redaktionen "massive Verstärkung durch die agitprop-geschulten Journalisten der ehemaligen DDR erhalten." Seither wird der frühere Cheflektor des Ullstein-Verlages von einem Alptraum geplagt: der zwanghaften Vorstellung, eine neue Volksfront aus demokratischen Sozialisten, Grünen und gewendeten Kommunisten könnte die freiheitlich-demokratische Republik nach links verschieben und Deutschland in eine "DDR light" verwandeln.Im Gegensatz zu früheren Abhandlungen hat sich der Autor nach eigenem Bekunden diesmal weder um Distanz noch um die Betrachtungsweise eines "unparteilichen Geschichtswissenschaftlers" bemüht. Das spürt man in fast jeder Zeile. Da hat sich ein rechter Eiferer, frustriert vom "jämmerlichen Versagen der traditionellen Konservativen" seinen Zorn von der Seele geschrieben. Polemisch und mit stark eingeschränktem Wahrnehmungsvermögen.Mögen Scharen von Publizisten im In- und Ausland auch auf Erscheinungen verweisen, die das vereinte Deutschland eher nach rechts driften lassen, Zitelmann irritiert das nicht. Solche Warnungen, schreibt er, seien "eine Umkehrung der Wirklichkeit." Nicht den Rechtsextremisten gewähre man Spielraum, sondern "den Linksextremisten der PDS." Mit seiner Streitschrift bedient sich der "Welt"-Journalist der gleichen grobschlächtigen Methoden, die er seinen Gegnern vorhält: Er putzt Feindbilder auf und baut sich seine Popanze. Getrieben vom missionarischen Drang, den angeblich linken Zeitgeist einzudämmen und die Vorherrschaft "linksintellektueller Nationalmasochisten" zu brechen.Ein schweres Stück Arbeit. Denn die gegnerische Übermacht ist groß. Zitelmann, dieser Vordenker der Neuen Rechten, kämpft nicht nur gegen Sozialisten aller Schattierungen, sondern auch gegen linke Christdemokraten wie Heiner Geißler und Friedbert Pflüger, kirchliche "Betroffenheitsapostel" und "Muli-Kulti-Anhänger". Parteipropaganda Am Schluß seines Pamphlets fällt Zitelmann in die simple Rolle eines Partei-Propagandisten. Als Mitstreiter des Berliner FDP-Rechten Alexander von Stahl empfiehlt der Autor den Liberalen eine Rückbesinnung auf nationalliberale Traditionen, um rechts von der Union jene Lücke in der Parteienlandschaft zu füllen, "die heute unbesetzt ist." Wohin treibt unsere Republik?, Rainer Zitelmann, Ullstein-Verlag Frankfurt (Main) und Berlin 1995, 238 Seiten, 24,90 DM. +++