Nirim - Adele Raemer tippt auf ihre Uhr. „Die Zeit läuft“, sagt sie. „Zehn Sekunden, mehr haben wir hier bei Alarm nicht, um uns in Sicherheit zu bringen.“ Zehn Sekunden. Das reicht gerade mal für einen Zehn-Meter-Spurt aus dem Stand. Sich stets in der Nähe von Bunkern aufzuhalten, gehörte für die Englischlehrerin in den vergangenen Wochen zur Überlebensstrategie. Selbst eine schnelle Dusche musste gut geplant sein.

„Ich lege mir immer ein großes Handtuch in Reichweite hin“, erzählt Adele Raemer, „damit ich sofort aus dem Becken springen kann, um in den Schutzraum zu rennen, falls gerade wieder Zeva Adom ertönt“, der „rote Alarm“, der in den israelischen Kommunen im Grenzgebiet zum Gazastreifen über Lautsprecher ausgerufen wird, sobald eine palästinensische Rakete oder ein Mörsergeschoss im Anflug sind.

Flucht und Heimkehr

Wegen ihrer kurzen Reichweite ist das Abwehrsystem „Eisendom“ gegen letztere machtlos. „Zum Glück hat mich Zeva Adom bis jetzt nie beim Duschen erwischt“, sagt Adele Raemer lächelnd und pocht auf den Holztisch. Doch der Alltag unter ständiger Bedrohung nimmt einen mit. „An Arbeit war nicht zu denken“, seufzt sie, „ich konnte mich auf nichts konzentrieren, abgesehen vom Krieg.“

Endlos lange Nachmittage hat Raemer deshalb im verbunkerten Gemeinschaftszentrum des Kibbuz Nirim verbracht, zusammen mit den vorwiegend älteren Bewohnern, die nicht während der militärischen Eskalation das Weite gesucht hatten. Dort führt die 59-Jährige den Besuchern auch vor, wie rasant zehn Sekunden verfliegen; an diesem Tag wirkt sie bei ihrer Demonstration sogar recht entspannt. Noch hält der vorläufige Waffenstillstand, der am Mittwoch um fünf Tage verlängert wurde. Aber noch haben die indirekten Verhandlungen in Kairo zwischen Israel und der Hamas kein Ergebnis gebracht, das für beide Seiten akzeptabel wäre.

„Morgen kann alles wieder ganz anders sein“, weiß auch Anat Hefetz, eine Mutter zweier Kinder im Alter von drei und sechs Jahren. Trotzdem ist sie am Wochenende mit ihrer Familie nach Hause zurückgekehrt, in den Kibbuz Nirim, knapp zwei Kilometer von Gaza entfernt. Generalstabschef Benny Ganz hatte die Israelis aus dem grenznahen Umland von Gaza ausdrücklich zur Rückkehr ermuntert – ein wenig vorschnell, wie ihm nicht nur die Betroffenen vorwarfen. Denn die Begrüßungsfeier für die Heimkehrer war nach dem Zusammenbruch der ersten 72-stündigen Waffenruhe am vorigen Freitag zunächst von neuem Beschuss aus Gaza verhagelt worden.

Im israelischen Norden, wohin sie während der Kriegswochen geflüchtet waren, fühlten sich die Hefetz zwar bestens aufgenommen. Aber, sagt die 36-jährige Anat, „wir haben unser Zuhause schrecklich vermisst“. Nirim ist eigentlich ein beschaulicher Fleck, so wie viele andere Kibbuzim und Moschavim (ländliche, israelische Genossenschaften) in der an Gaza grenzenden Eschkol-Region. Die Einfamilienhäuschen sind von Gärten umgeben und die betonverstärkten Schutzräume von Kletterpflanzen umrankt. Sogar einen Pool mit verlockend blauem Wasser bietet der Kibbuz an der Front. Einziges Manko ist die prekäre Sicherheitslage. Beide Frauen zweifeln, dass der Krieg daran viel verbessert hat.