Ralf Rocchigiani will Titelkampf in Berlin: Der Box-Weltmeister im Fußball-Tor

Die interessierte Öffentlichkeit nahm es nur am Rande wahr: Berlin hat einen Box-Weltmeister der Profis. Ralf Rocchigiani, WBO-Champion im Cruisergewicht, gab gestern Auskunft über künftige Vorhaben.Die Schwellung über dem linken Auge ist noch nicht völlig abgeklungen, aber sonst macht der Weltmeister längst wieder eine gute Figur. Der harte WM-Fight von Manchester, als "Rocky II" für die englischen Fans sensationell den Titelträger Carl Thompson dreimal zu Boden schickte und dann schließlich in der elften Runde durch technischen K.o. gewann, ist vergessen. "Ich träume nicht mehr davon, auch nicht davon, daß ich in der fünften Runde zum ersten Mal in meiner langen Laufbahn selbst zu Boden gegangen bin. Vielleicht habe ich ein wenig Glück gehabt, daß sich der Engländer an der Schulter verletzte, aber alle Augenzeugen sagen auch, daß er am Ende seiner Kunst war, dicht vor dem Knockout stand."Dem Berliner bescheinigte man allenthalben das größere boxerische Talent als seinem bis dato erfolgreicheren, ein knappes Jahr jüngeren Bruder Graciano. Mangelnde Disziplin verhinderte oft den absoluten Erfolg. Erfreulicherweise ist er nun als Champion auf dem Boden der Tatsachen geblieben. Immerhin war er als "Fallobst", als krasser Außenseiter nach England gefahren, vermeintlich, um sich neben der Börse die Niederlage gegen einen Mann abzuholen, der seit vier Jahren nicht mehr verloren, aber die letzten neun Kämpfe durch k.o. gewonnen hatte.Gestern traf er sich mit seinen Berliner Fans in der Engelhardt-Brauerei, wo er im übrigen seit Anfang des Jahres Kunde ist. Was Direktor Ernst Kallies natürlich nicht vorübergehen ließ, ohne einen Zusammenhang zum WM-Titel herzustellen. Zu den Fans des Weltmeisters gehört auch die Elektro-Rollstuhl-Hockeymannschaft des Marzahner SV. Die Rocchigiani-Brüder und weiteren Berliner Berufsboxern sowie deren Manager Michael Pohl halfen in der Vergangenheit mit Benefiz-Veranstaltungen und persönlichen Spenden, manche Reise zu finanzieren, auch einen neuen Rollstuhl zu besorgen, der mit größerer Geschwindigkeit (zehn statt sechs km/h) neue Chancen eröffnet. Im September ist der nächste Boxabend mit aktuellen und ehemaligen Berliner Profiboxern geplant (der Weltmeister als Ringrichter!), der Reinerlös wird den Marzahner Hockeysportlern die Ausrichtung eines internationalen Turniers ermöglichen. Übrigens, Manager Pohl bescheinigt dem Box-Weltmeister im Fußballtor "mindestens Regionalliga-Format".Natürlich ging es in dem Frage- und Antwortspiel auch um die sportliche Zukunft des Weltmeisters: Zwei Wochen Urlaub sind geplant, dann Kurs auf eine freiwillige Titelverteidigung mit einem noch nicht bekannten Gegner, wahrscheinlich Ende September/Anfang Oktober, möglicherweise in Berlin. Im Hinterkopf spukt ein Auftritt gegen den großen, aber wohl über seinen Leistungszenit hinausgewachsenen Thomas Hearns in Las Vegas. "Wenn die Börse stimmt, würde ich auch noch einmal gegen Torsten May antreten." Den ersten Vergleich freilich hatte der Weltmeister aus Berlin verloren.