Mit 19 Jahren ergriff Lew Kuleschow die Chance seines Lebens. Dem privaten Kinostudio, in dem er als Ausstatter arbeitete, waren nach der Revolution die Regisseure ausgegangen. Während sie sich ins Ausland absetzten, nutzte Kuleschow die frei gewordenen Kapazitäten, um seinen ersten Film zu inszenieren. Mit dem "Projekt des Ingenieurs Pright", dessen Dreharbeiten im Sommer 1918 stattfanden, wollte er vieles anders machen als seine Vorgänger. Er verließ die Ateliers, filmte mitten in der Stadt und draußen in freier Natur. Es sollte auch nicht mehr so statuarisch zugehen wie bisher. Kuleschow hatte russische mit internationalen Produktionen verglichen und herausgefunden, dass die russischen nur über jeweils zehn bis fünfzehn Einstellungen verfügten, die westeuropäischen aber um die dreißig und die amerikanischen gar bis zu hundert. Das Tempo dieser Filme war entsprechend moderner.Genau so sollte "Das Projekt des Ingenieurs Pright" werden: ein Feuerwerk der Intrigen, Verfolgungsjagden, Schießereien. Die Szene mit der von einer Pistolenkugel getroffenen, berstenden Flasche wurde in acht Schnitte zerlegt. Die Firmenleitung tadelte: "Ihr seid ja völlig verrückte Futuristen!" Aber Lenin liebte den Film. Vor allem zeigte er sich von der Story begeistert: Der Titelheld, ein kluger junger Erfinder in Lederjacke, der Torf als billigen Heizstoff fürs Volk entdeckt und damit das kapitalistische Erdölmonopol bricht, passte wunderbar in die Zeit. "Das Projekt des Ingenieurs Pright" wurde sogar auf einem Parteitag der Bolschewiki vorgeführt: als Beleg dafür, wie die Wirklichkeit zu verändern sei.Bald galt Kuleschow als Erfinder der "analytischen Montage"; seine Entdeckung, dass durch die Verknüpfung von Einstellungen etwas völlig Neues, vorher nicht Dagewesenes entstehen kann, wurde international als "Kuleschow-Effekt" bezeichnet. In seinem berühmtesten Werk "Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki" (1924) führte er die Montagekunst zur Reife. Inzwischen hatte sich eine Gruppe von Avantgardisten um ihn gesammelt, zu der auch die späteren sowjetischen Starregisseure Boris Barnet und Wsewolod Pudowkin gehörten. Dass Pudowkin 1950 über seinen Meister schrieb, dessen erste Werke hätten "den amerikanischen Kriminalfilm mit seiner hohlen, rein äußerlichen Dynamik zum Ideal" erhoben, war der Verwerfungen der Stalin-Ära geschuldet: Auch Kuleschow fiel nach 1933 als "Formalist" in Ungnade, er durfte jahrelang nicht drehen, blieb dem Metier aber als Lehrer und Direktor der Moskauer Filmhochschule verbunden."Das Projekt des Ingenieurs Pright" ist eine schöne Entdeckung auf DVD, klug aufbereitet mit vielen Annotationen, die während des Films direkt abgerufen und eingeblendet werden können. Ein Porträt von 1969, mit zahlreichen Ausschnitten aus dem Gesamtwerk des im März 1970 verstorbenen Kuleschow, rundet die Edition ab.------------------------------Erschienen bei Absolut Medien/Hyperkino, ab 19,90 Euro.