Ralf Schenk über die fast vergessene Geschichte der West- und Ost-Berliner Grenzkinos: Mitten im Kalten Krieg

Anfang der 1990er-Jahre lernte ich Oscar Martay kennen. Mein Schwager, ein Bauingenieur, war mit Arbeiten an seinem Haus befasst und vermittelte ein Gespräch. So kam auch ich in den Genuss, den alten Herrn über seine schönste Zeit plaudern zu hören. Martay (1920-1995) war nach dem Zweiten Weltkrieg Filmberater des US-Außenministeriums in West-Berlin und kümmerte sich mit ganzer Kraft um die filmkulturelle Versorgung der "Inselstadt". Er beschaffte Rohmaterial für Kopieranstalten, erwirkte die Genehmigung für den Transport von Kopien aus den Westzonen in alliierten Militärzügen (den westdeutschen Verleihfirmen waren die Luftfrachtkosten zu hoch) und schlug die Gründung internationaler Filmfestspiele vor. Ganz besonders hell leuchteten Martays Augen, wenn er von den Grenzkinos sprach, die er ab 1950 in West-Berlin für Ost-Besucher einrichten ließ.Rund dreißig Häuser, allesamt nahe der Sektorengrenze, besaßen diesen Status, davon zehn in Kreuzberg und sieben im Wedding. Für 1,25 Ostmark, etwa 25 Pfennig West, waren hier Filme vornehmlich aus den USA und Großbritannien, aber auch aus der Bundesrepublik zu sehen. Den Anfang machte Ernst Lubitschs antistalinistische Satire "Ninotschka", die Martay in einem Kino am Potsdamer Platz programmierte - mit überwältigendem Erfolg. Aber auch außerhalb der Grenzkinos wurde er aktiv; so organisierte er Vorführungen speziell für Ost-Berliner in der Waldbühne: "Der dritte Mann", "Badende Venus" oder "Vier im Jeep". Rias und SFB warben dafür, und nur wenige Stunden nach Bekanntgabe der Termine waren die Veranstaltungen ausverkauft. Manchmal mussten die eingenommenen Ost-Pfennige in Waschkörben abtransportiert werden. Laut Martay waren es rund 180 Millionen Kinobesucher aus dem Osten, die zwischen 1950 und dem 13. August 1961 in West-Kinos kamen.Die Grenzkinos, aber auch andere, innerstädtische West-Berliner Lichtspielhäuser wie die legendenumwobene Filmbühne am Steinplatz profitierten vom so genannten "Gesamtberliner Kulturplan", den das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen und der Senat aufgelegt hatten und für den allein im Jahr 1960 rund 16,6 Millionen DM zur Verfügung standen. Ost-Besuchern war es dadurch möglich, Karten für Theater, Museen und Kinos zum Umtausch-Kurs 1:1 zu erwerben. Dieses preisgünstige Angebot betraf allerdings nur Filme, die mit dem Prädikat "Wertvoll" oder "Besonders wertvoll" ausgezeichnet worden waren. Weil die Grenzkinos von der Vergnügungssteuer befreit wurden, flimmerten dort auch andere Produktionen, nach denen das Ost-Publikum hungerte: Heimatfilme, Western, Thriller, manchmal auch ein bisschen nackte Haut. Das Rezept ging auf: Der Anteil der Grenzkino-Besucher aus dem Osten belief sich in den späten 1950er-Jahren auf bis zu neunzig Prozent. Dabei spielten einige dieser Kinos schon ab 9.30 Uhr am Vormittag, so dass es mancher Teenager aus Mitte oder Prenzlauer Berg vorzog, statt in die Schule lieber in einen Elvis-Presley-Film zu gehen. Der Mauerbau hatte dann verheerende Folgen: Zwischen August 1961 und März 1962 schlossen allein 27 West-Berliner Kinos, darunter viele Grenzkinos, ihre Pforten.Den Zustand Berlins als "offene Stadt" hatten viele, gerade auch junge Ostdeutsche zu schätzen gewusst. Angelica Domröse, die bis zum 13. August 1961 mehr in West als in Ost vor der Leinwand saß, sprach von einem wunderbaren Multikulti-Programm: "In allen vier Sektoren war die Kultur ein bisschen anders, die Filme, sogar die Plakate - und ich empfand die Besatzer nicht als Besatzer, wie meine Eltern, sondern als Würze meines Lebens." Die offiziellen DDR-Medien sahen das völlig anders: In Karl Gass' Defa-Propagandafilm "Schaut auf diese Stadt" (1962), einer Legitimierung des Mauerbaus, wird das West-Berliner Kinoprogramm in einer hochgradig demagogischen Montagesequenz ausschließlich auf Sex and Crime reduziert. Karl-Eduard von Schnitzler ließ in einer Sondersendung des "Schwarzen Kanals" zum 13. August wissen, dass unter anderem die Grenzkinos den Mauerbau zwingend notwendig gemacht hätten. Die Berliner Zeitung schrieb damals: "Nun ist es aus mit der Menschenfängerei, mit der Vergiftung unserer Jugend in den Grenzkinos und was noch alles zum Frontstadt-Lebenszweck gehörte. Klappe zu - Affe tot, so sagt der Berliner."Weithin unbekannt ist, dass auch die DDR einige Grenzkinos installierte, so wie das Gérard Philipe in Treptow, das Fortuna in Pankow oder die Urania-Lichtspiele in Wilhelmsruh. Ob sich dort, wie von der Ost-Obrigkeit erhofft, "unsere West-Berliner Friedensfreunde" einfanden, um Filme der Defa und aus den osteuropäischen "Volksdemokratien" zu sehen, ist bisher weitgehend unerforscht. Die Kinos selbst profitierten von ihrem besonderen Status, weil sie auf diese Weise zu höheren Zuschüssen für die bauliche Instandhaltung kamen und die Möglichkeit erhielten, schneller an Kopien von publikumswirksamen Unterhaltungsfilmen zu gelangen.Im Moment laufen, unter anderem an der Babelsberger Filmhochschule, einige Forschungsvorhaben zum Phänomen der Grenzkinos, den damit verbundenen kulturpolitischen Strategien mitten im Kalten Krieg, den Zielen ihrer Programmauswahl, der Rezeption durch ein Millionenpublikum. Bevor diese Forschungen in Buchform zusammengefasst werden, bieten eine Filmreihe und eine Ausstellung erste detaillierte Informationen. Morgen wird diese Reihe im 1964 geschlossenen ehemaligen Kreuzberger Grenzkino Lido eröffnet: Auf dem Programm steht "Der Teufel spielte Balalaika", ein Melodram über deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Weiter im Programm: "Sheriff Teddy" von Heiner Carow, "Wir Kellerkinder" mit Wolfgang Neuss, "Die Halbstarken" mit Horst Buchholz und anderes.-----------------------Flimmern auf dem Eisernen Vorhang - Berliner Grenzkinos 1950-1961 Lido, Freiluftkino Kreuzberg, Arsenal u.a., ab Freitag 20 Uhr / Ausstellung in der Kreuzberger Galerie Zero, Köpenicker Str. 4, 13. 8. bis 13. 9.------------------------------Foto: Oft ging es nach der Arbeit ins Grenzkino, etwa ins "Camera" in der Potsdamer Straße.Foto: Das Corso Theater lag im Wedding, in Gesundbrunnen.