Ein alter Mann liest einen Text. Mühsam buchstabiert er, mit großer Lupe, Wort für Wort. Es sind Sätze aus der "Wolokolamsker Chaussee" von Heiner Müller, Kriegserinnerungen an die Schlacht um Moskau 1941. Immer wieder schweifen die Gedanken des Mannes ab. Nachts, so sagt er, wenn die Schlaftabletten nicht mehr helfen, erscheinen ihm Bilder aus alten Zeiten. Er war Feldwebel, gehörte zu einer Kavallerie-Division der SS. Behutsam fragt Regisseurin Serpil Turhan, wie es damals gewesen sei. Schön, antwortet der alte Mann, "ich denke gern zurück, mir ging's gut". Geschossen habe er nie, bis auf ein einziges Mal, und dann auch nur in der Gruppe, als ein zum Tode Verurteilter hingerichtet wurde. "Genieße den Krieg", zitiert der alte Mann einen Spruch, der den Soldaten ihr Handwerk schmackhaft machen sollte, "denn der Frieden wird grausam sein."Serpil Turhan, die als Schauspielerin in einigen Filmen von Thomas Arslan und Rudolf Thome zu sehen war, studiert seit 2006 Medienkunst und Film an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. In "Herr Berner und die Wolokolamsker Chaussee" verknüpft sie Elemente aus einer stummen 16-mm-Übung und einem Hörspielfragment. Sie verfremdet die Bilder und lässt sie durch künstliche Kratzer und Schichtablösungen alt erscheinen. Manchmal fügt sie Schwarzfilm ein, der Zuschauer kann sich dann umso mehr auf die Stimme des Mannes konzentrieren. Und auf dessen ungebrochene Beschwörung, der Krieg sei die beste aller Zeiten gewesen. Folgerichtig fällt Herrn Berner auf die Frage, was er im Leben vielleicht anders gemacht hätte, nur ein: "Ich wäre nicht ins Altersheim gegangen."Serpil Turhan insistiert nicht; es hätte auch keinen Sinn, so sehr hat Herr Berner die Wahrheit des Krieges im Raum des Vergessens abgelegt. Erst ein paar Schrifttafeln im Abspann konfrontieren uns mit Fakten zur Wirklichkeit jener SS-Kavallerie-Division, der er angehörte. Sie war nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion maßgeblich an der Ermordung russischer Juden beteiligt, bereitete den Boden für den Holocaust, wütete gegen Partisanen, versprengte Rotarmisten und kommunistische Funktionäre. 1944 nahm sie, unter Führung von Eva Brauns Schwager Otto Hermann Fegelein, an der Besetzung Ungarns teil: auch das ein Vorgang äußerster Grausamkeit. Herr Berner, der von Anfang an dabei war, starb 2010 in Frieden. Durch die Reduktion der Mittel, die Unaufgeregtheit der Interviewerin, die Konzentration auf das Gesicht und die Worte des alten Mannes kommt der Film dem deutschen 20. Jahrhundert auf dialektische Weise nahe und vermag unseren Zorn zu entfachen."Herr Berner und die Wolokolamsker Chaussee" wird am kommenden Dienstag erstmals in Berlin vorgestellt; Thomas Heise, Mitglied der Akademie der Künste und Professor an der Karlsruher Hochschule, lädt zu dieser Begegnung ein. Im zweiten Film des Abends beobachtet Bettina Büttner Jungen in einem Kinderheim, ihr Versteckspiel, ihr Toben, auch frühpubertäre exhibitionistische Spielereien vor der Kamera. Ins Zentrum des Filmes rückt Marvin, den die anderen als dick und ängstlich hänseln und der erschreckend selbstverständlich Begriffe wie Headshot, Molotow-Cocktail und Pump Gun erläutert. Eine Erzieherin fordert ihn zu mehr Selbstbewusstsein auf, seine Mutter ist verzweifelt. Am Ende des Films schleppt er Steine und Bretter zusammen und verkriecht sich in dem Zusammengezimmerten, in seiner Burg gegen die Welt.Welche Ursachen es für Marvins Einsamkeit, seinen Jähzorn und seine Tränen gibt, ahnt nur, wer genau hinhört. Aus einer leisen Bemerkung der Mutter lässt sich ableiten, dass er sexuell missbraucht wurde. Bettina Büttner beutet Marvins Geschichte nicht für ein spekulatives Spektakel aus, sondern sucht atmosphärische Bilder für seine Verletzungen, macht die zerrissene Welt des Jungen durch ein Spiel mit Licht und Schatten, Flüstern und Schreien erfahrbar. Ein starker, berührender, bedrückender Film. Mitglieder stellen vor: Bettina Büttner/Serpil Turhan. Akademie der Künste, Pariser Platz, Di (8. 3.) 19 Uhr.------------------------------Foto: Die Regisseurinnen Serpil Turhan (l.) und Bettina Büttner haben zwei sehr unterschiedliche Filme über zwei sehr einsame Menschen gemacht.

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