RALF SCHENK über polnische Filme zwischen Gefälligkeit und Radikalität: Obdachlose in der Abseits-Falle

Das 4. Festival des polnischen Films startet mit Michal Rosas "Rysa" (Der Riss), einem Psychodrama, das auf wahren Ereignissen beruht. Hauptfigur ist die Krakauer Universitätslehrerin Joanna, die als Geburtstagspräsent von einem Unbekannten eine ominöse Videokassette erhält. Darauf befindet sich der Mitschnitt einer TV-Diskussion, in der ein Historiker erklärt, niemand anders als die polnische Staatssicherheit habe vor mehr als 40 Jahren die Ehe der Frau gestiftet. Joannas Mann, mit dem sie glücklich zusammenlebt, sei damals angesetzt worden, um ihren Vater, einen Oppositionellen, auszuspionieren, ja die gesamte Familie zu beschatten. Rosa und seine Hauptdarstellerin Jadwiga Jankowska-Cieslak führen nun vor, wie sich Joanna zuerst gegen den Vorwurf zur Wehr setzt, ihn als Lüge zu entlarven sucht, dann aber doch von ihm beherrscht wird. Der mögliche Verrat ihres Mannes überlagert bald die Erinnerungen an das gemeinsame Leben. Dabei entwirft der Film keine Parabel über Lüge, Verdrängung und Schizophrenie der Gesellschaft, sondern mündet in ein individuelles Krankheitsbild: Joanna wird depressiv, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, verfällt einem Sauberkeitswahn. In der letzten Szene, ihr Mann liegt mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus, schnüffelt sie an seinem Handtuch, saugt seinen Geruch ein, als ob sie einen Unbekannten neu entdecken müsse oder wenigstens die Spuren von etwas Bekannten wiederzufinden hofft.Neben "Rysa" stellt das Festival zahlreiche weitere aktuelle Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme vor, darunter eine der bestbesuchten polnischen Komödien aller Zeiten: "Lejdis" erzählt von vier etablierten Frauen, deren Freundschaft allen familiären, beruflichen und gesundheitlichen Krisen trotzt. Regisseur Tomasz Konecki orientierte sich am Hollywood-Vorbild "Sex in the City": Hier wie dort geht es um die Suche nach dem richtigen Mann, die Sehnsucht nach einem Kind, die Angst vorm Alleinsein und jene unzerstörbare Solidarität, die schließlich zur schönsten Harmonie führt. Ein wesentlich krisenhafteres Gruppenbild entwirft "0-1-0", die letzte Arbeit des nur 54-jährig an einem Herzinfarkt verstorbenen Piotr Lazarkiewicz, über Paare, die nichts Besseres zu tun haben, als einander zu zerfleischen. Zwischen die fragmentarischen Episoden sind blitzartig kurze, in Rot getauchte Momente eines Autounfalls montiert, in den einige der Figuren verstrickt waren oder sein werden: Stets ist der Tod präsent und zwingt dazu, über die Verantwortung fürs eigene Leben nachzudenken.Lazarkiewiczs grüblerischer Ton ist im neuen polnischen Kino allerdings eine seltene Kostbarkeit; andere Regisseure haben nicht die Lust oder die Kraft, die existenziellen Untiefen ihrer Figuren wirklich auszuloten. So schaffen es die Stadtstreicher in Kasia Adamiks "Boisko bezdomnych" (The Offsiders) schnurstracks ins Finale der Obdachlosen-Fußball-Weltmeisterschaft; dass die Figuren physisch und psychisch gefährdet sind und wie hoch ihre Fallhöhe wirklich ist, lässt der gefällige Film nur ahnen. Gerwazy Regula reißt in "Droga do Raju" (Der Weg ins Paradies) zwar viele Konflikte an - Erkrankung, Geschwisterhass, Arbeitslosigkeit -, aber er löst sie alle in einer sentimentalen Glücks-Apotheose auf.Wer sich von solchen glatten, eher für den Bildschirm als fürs Kino geeigneten Geschichten erholen will, dem seien die Klassiker der "Polnischen Neuen Welle" im Arsenal wärmstens ans Herz gelegt: subversives Kino aus realsozialistischen Zeiten, mit dem Regisseure wie Jerzy Skolimowski oder Andrzej Zulawski die politischen und ästhetischen Grenzen ihrer Zeit sprengten und eine Filmsprache jenseits des Realismus alter Schule zu entwickeln suchten.------------------------------filmPolska Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos, Arsenal, fsk, Filmmuseum Potsdam u. a., ab Do 19 Uhr------------------------------Foto: Jadwiga Jankowska-Ciesla (r.) in Michal Rosas Film "Rysa" (Der Riss)